Büschemer Buu

Thomas Bach rief sehr emphatisch auf der mit den Kleinstadtgrößen gefeierten Verabschiedung des Alt-Bürgermeisters Vockels aus: „Du bist ein echter Bischemer Bu“. Er hätte Büscheme so umgestaltet wie noch kein anderer. Hat aber je ein Büschemer Buu Büscheme so verändert wie der Bürgermeister Vockel in seiner langen Amtsperiode? Was macht denn überhaupt ein Büschemer Buu aus? Kann ein Niedersachse, aus Cuxhaven kommend, ein Büschemer Buu sein? Kann ein Erwachsener ein Büschemer Buu sein? Wann endet das Büschemer Buu Sein überhaupt? Gilt das Büschemer Buu Sein ein Leben lang? Viele Fragen, denen sich noch vielmehr anschließen, wenn man dieses interessante Büschemer Thema tiefer erschließen will. Man gerät schnell in die Büschemer Philosophie hinein, in die Philosophie des Büschemerischen, auch in die noch nicht geschriebene Soziologie des Büschemerischen, wenn man sich das Büschemerische als Entwicklungsgeschichte vorstellt. Soziologisch wäre z. B. zu fragen, welche Interessen wurden in der Ära Vockel durchgesetzt? Wie wurden sie durchgesetzt? Wie waren die Machtverhältnisse? Welche Bedürfnisse, Bedarfe wurden nicht berücksichtigt? Wie konnte er der starke Mann in Büscheme werden?

Bezieht sich das Büschemerische auf ein rein Büschemerisches? Vom Äußeren Abtrennbares? Auf einen reinen Büschemer Kern isolierbares? Das Büschemerische als quasi reinrassiges, um mal mit belasteter Tinte auszuschwafeln? Das Büschemerische wird in einem kleinen Bereich gesprochen, das neben Büscheme noch einige Dörfer tauberaufwärts miteinbezieht. Kleinstädtisches und Dörfliches mixt. Das Alt-Büschemerische hatte neben der eng begrenzten Lokalität des Kleinstädtischen mit Geschäften, starken Verwandtschaftsbeziehungen und eindeutiger Vetternwirtschaft sowie dominierender Stammtischherrschaft auch immer stark etwas Landschaftsbebauendes: Weinbau, Obstbau, Ackerbau, Wiesen, Steilhänge, Mager- und Halbtrockenrasen. Ackerbürgerschaft, wenn auch meistens auf kleinen Grundstücken. Von diesem noch in der alten bäuerlichen Arbeitswelt verhaftenden Büscheme war Vockel als Bürgermeister am weitesten entfernt. Er hat die Plätze, Räume und Stadtviertel Büschemes umgestaltet wie noch keiner vor ihm. In ein Entfremdendes, Entfremdetes, dem Bekannten, dem Vorherigen völlig Unähnliches. Der Wörtplatz, früher als mit Kastanienbäumen umgürtetes Idyll gerühmt, nun ein elender Steinhaufen, wenn auch stadtplanerisch aufgestapelt. Der Marktplatz „hochwertig“ bepflasterte Einöde, die nun nachträglich möbliert werden muss. Die Tauberwiesen waren reine Verfügungsmasse in der überdimensionierten Umgestaltung zu einem äußerst merkwürdigen HöchstHochwasserschutz für Bereiche, die in der Amtszeit Vockels in Hochwasserzonen gesetzt wurden. Erst eigene StadtPlanungsfehler rufen hinterher gigantische Anti-Baumaßnahmen hervor. Deren Überdimensionalität vielen klar machte, hier läuft doch einiges falsch in der Stadtgestaltung, Stadtverwaltung. Die sicherlich auch erklären, warum ihm nach drei Amtsperioden eine Wiederwahl ziemlich eindeutig versagt wurde. Wenn der Schein des sinnvoll tätigen Bürgermeisters durchbrochen wird, macht sich kritisches Bewusstsein breit, das zumindest im Wahlverhalten sich manifestiert. Selbstverständlich haben auch Bürgermeister wie Grosch, Hollerbach Büscheme kräftig umgestaltet, viele Flächen für neue Nutzungen umgewandelt. Alt-Bürgermeister Vockel ist mit eindeutiger Mehrheit am Anfang gewählt worden, hat die Leute überzeugt, mitgenommen. Auch die Wiederwahlen waren souverän. Aber irgendwann kam der uneingeschränkte Durchbruch zu einem Bau-Bürgermeister. Spätestens mit der total absurden Idee eine Müllverbrennungsanlage im Büschemer-Rinnerfelder Gewerbegebiet anzusiedeln, erhob sich breiter Widerstand. Wenn dieser auch in der Mehrzahl auf dieses Bauvorhaben aus den Nachbargemeinden Werbach und Großrinderfeld kam, von vielen Bürger vorgetragen wurde. Eine der eindrucksvollsten Gemeinderatsitzungen am Wörtplatz, als der Sitzungssaal von den Widerständlern umzingelt war. Aber das gab auch optisch ein Signal her, dass Alt-Bürgermeister Vockel den Rubikon überschritten hatte. Es abwärts ging. Die Übernahme der Kaserne und des Truppenübungsgeländes zeigt die Widersprüchlichkeit der Amtszeit Vockels. Auf den wunderschönen Halbtrockenrasen des ehemaligen Truppenübungsgeländes Windräder setzen wollen, einen Golfplatz hier anlegen. Da stellte der Naturschutz zum Glück ein entschiedenes Veto dagegen. Der Umbau der Kaserne zu einem Gewerbe- und Dienstleistungsgebiet gelang mit der Ansiedlung von vielen kleinen Betrieben besser als befürchtet. Aber die hochgeschossige schwarze Kaaba des Ganterbaus versaut nun den Büschemer Horizont, fast jedes Fotos. Beim Neuausbau der Fußgängerzone übersah die Stadt die einzige als denkmalgeschützt ausgezeichnete Stelle der alten Grabenbrücke beim Oberen Tor. Bei den Ausbauarbeiten schlug man deshalb ahnungslos ein tiefes Loch in das alte Brückengewölbe. War dann auch kein Grund, diesen stadthistorisch bedeutsamen Bereich sichtbar zu machen. Zugeschüttet, hochwertig überpflastert. Historisches Bewußtsein war nicht Vockels Sache! Das einmalige Biotop des Mändeles wurde brutal wegen der Verlegung der Verbundleitungsrohre zerschnitten, unterbrochen ohne an eine Alternativroute zu denken. Das kleine ausgewiesene Wohngebiet auf den ehemaligen Kasernensportplätzen leidet am Verkehrslärm, der von unten permanent hochkommt, an der schlechten Anbindung, an der schwarzen Kaaba, die direkt benachbart ist.

Ein Büschemer Buu sein bezieht sich weitgehend auf eine in Büscheme verbrachte Kindheit, Jugendzeit. Man lese bei Josef Dürr die Gedichte, die sich auf die Freude beziehen, in so einer Kleinstadt und umgebenden Landschaft, auf grünbunten Wiesen, in umbäumten Hainen, auf steilen Rainen, die Kindheitsjahre verbracht zu haben. Auf feine Schülerstreiche, kleinere Bosheiten. Oder bei Hugo Pahl`s Büschemer Bösi Buwe. BBB.  Ein Aufwachsen in der Büschemerischen Lebenswelt, im Büschemerischen Alltag. Das alles fehlt Bürgermeister Vockel. Kann ihn nicht als Büschemer Buu auszeichnen. Zumal auch der Büschemer Dialekt ihm fehlt. 

Vielleicht hat Thoams Bach in seinem Verabschiedungsüberschwang ausdrücken wollen, dass Vockel ein Büschemer sei. Das lässt sich nach so einer langen Amtsperiode nicht bestreiten. Büscheme hat schon viele Auswärtige in sich integriert. Die „Flüchtlinge“, „Vertriebene“ nach 1945 im besonderen Masse. Heute hat sich diese in den 1950’ern, 1960’ern oft zu hörende negative Zuschreibung selbst verflüchtigt. Dient nicht mehr zur Unterscheidung von Innen und Außen im Bezug auf Büscheme. Die Büschemer Lokalität hat sich selbst stark nach 1945 aufgelöst, gewandelt, verändert. Auf Äckerle, Grundstückle, Gütle bezieht sich kaum noch ein Büschemer Bewusstsein, während es vor 1945 nahezu grundlegend war. Büscheme und Boden. Das war schon eine wichtige Beziehung, Auszeichnung, prägte die Arbeits- und Lebenswelt. Vieles wurde noch selbst erzeugt, erwirtschaftet. Größtenteils Subsistenzwirtschaft und – Denken prägte das Leben. Vorratshaltung in Einmachgläsern, Dosenfleisch, Dosenwurst, deren Inhalt auch noch nach langen Jahren genießbar war. Dinge aufheben war wichtig, da diese selten, oder in der Anschaffung teuer waren. Die Ziehwagenkultur beherrschte das Stadtbild, die Hänge, die Hangwege. Eine starke Dominanz war der in Büscheme völlig überbordende Katholizismus, der bis in die kleinste Ritze Büschemes hineinschien. Immer auch innere Mission und ständige Rekatholisierung war.  Die Verwandtschaft der Büschemer wohnte in Büscheme oder im engeren Umkreis. Büscheme und Boden, das war nicht Blut und Boden wie in der fatalen arischen Zeit falsch paraphrasiert. Das war mehr Churchill mit Blood, Sweat and Tears. Arbeitsschweiß floß viel. Bei den Häckern, die die harten, trockenen Weinbergsböden behackten, pflegten, die mutterbodenarmen Hänge wurden allesamt genutzt, egal wie steil sie waren. Der Umgang untereinander war eher herb, etwas grob, gar grobschlächtig. Da täuschen die schönen Josef Dürr Gedichtszeilen etwas über das reale Büschemer Alltagsleben, über die alltägliche, harte Lebenswelt hinweg.

Nach 1945 mußte sich das Büschemerische der hereinbrechenden, umgestaltenden Moderne, der radikalen Modernisierung stellen. Bzw. wurde mehr oder weniger ungefragt damit konfrontiert. Es gab enorme Ungleichzeitigkeiten in der gesellschaftlichen Modernisierung und den kulturellen Beharrungskräften. Das Büschemerische, die Tradition wurden vor allem noch in salbungsvollen Festreden hochgehalten, während die Erosion dieser Lebenswelt schon lange vorangeschritten war. Im Gymnasium wurde Bildung als gesellschaftliche Produktivkraft vorangetrieben, die immer weniger vom Lokalen geprägt war. Die oberklassigen Schüler wurden ihrem Lebensraum entfremdet, fremd. Bildung trug zur inneren Erosion bei, da vom Büschemerischen weitgehend abstrahiert wurde. Die marktwirtschaftlichen Kräfte wurden forciert, Gewerbe, Industrien, Verarbeitungsbetriebe entwickelten sich. Die Region als Marktort wurde immer geringer, die Orientierung galt immer mehr größeren Märkten, in der Tendenz Weltmärkten. Das Landwirtschaftliche am Büschemerischen mit seinen vielen alten Begriffen verschwand mit dem Verschwinden dieser Tätigkeiten. Viele Büschemer Worte wurden nicht mehr gesprochen, verblassten, gingen verloren. Reste des Büschemerischen blieben, die sich nicht auf die alte kleinbäuerliche Arbeits- und Lebenswelt bezogen. Das Büschemerische hatte also Beharrungskräfte. Eine Studentin erzählte mir, dass ihr die Büschemerische Sprache erst beim Studiumanfang in einer fremden Großstadt bewusst wurde, als ihr Mitstudierende zu verstehen gaben, dass ihr Büschemerisch dort überhaupt nicht verstanden wurde. Es ist ein sehr kleinräumiger Dialekt, das Büschemerische, das in der Fremde in keinster Weise bekannt ist. Und dort äußerst exotisch klingen mag. Auch wenn es heute nur noch in einer reduzierten Form auftritt. Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Ein alter, etwas eindeutig geschnittener Satz. Der angewandelt auf Büscheme lauten könnte. Das Büschemer Sein bestimmt das Bewusstsein der Büschemer – Das Büschemer Bewusstsein bearbeitet das Büschemer Sein, wenn es bewusst gemacht wird. Es herrschten allerdings Ungleichzeitigkeiten vor. Auch wenn das Büschemer Sein grundlegend gewandelt wurde, blieb das Büschemer Bewusstsein resistenter, hielt sich länger an der Oberfläche, wirkte stark auf das Sein hinein.  

Allerdings war die Modernisierung, die auch eine Modernisierung des Büschemerischen war, ziemlich einseitig. Viele Verluste an Dialektbegriffen, kaum oder keine Gewinne durch Neuschöpfungen. Die neue Begriffe werden eher im Hochdeutschen, im Denglischen ausgesprochen. Ab den 1980ern trat die Modernisierung der Modernisierung auf, nahezu postmodern. Die Herkunft der Büschemer hat sich stark verändert. Viele Elternteile kommen nicht aus Büscheme, kommen von Auswärts, von den Nachbarorten, oft von weither. Vielfach nennt man nicht mehr Büscheme als Herkunftsort, sondern modern gewandt Tauber oder TBB. Auch das eine der Vockelmodernisierungen auf den städtischen Schreiben nicht mehr das alte Stadtwappen zu verwenden, sondern eine Sprechblase mit tbb_ darin. Von daher wäre ein Zuspruch „Du bist ein TBB’ler“ dem entfesselten Umgestaltungstreiben des Alt-Bürgermeistens Vockel passender gewesen, hätte den permanenten Modernisierungsdruck in dessen Amtszeit besser getragen. Als der rein folkloristisch eingesetzte Verabschiedungslobsatz „Du bist ein echter Bischemer Bu“, der in ein Alt-Büschemerisches verweist, in das dieser Alt-Bürgermeister nicht partizipierte. Auch in Büscheme wird mehr Schein als Sein produziert. Zumindest auf pompöseren Feierlichkeiten, in denen das uneingeschränkte Lob – das auch immer ein unreflektiertes Selbstlob enthält, ein Wunschbild gar – im selbst gewählten Mittelpunkt steht.