Schüler- und Jugendhausbewegung

Die Tauberbischofsheimer Jugendbewegungen werden mit einigen ihrer Aktionen und Publikationen dokumentiert. Die Tauberbischofsheimer Jugendbewegungen sind Ausdruck für die politisierte Jugendbewegung der 1970er Jahre in einer katholisch-konservativ geprägten Kleinstadt, die für die soziokulturellen Außenseiter der kleinstädtischen Gesellschaft wenig Platz und Verständnis einräumte. Die Jugendbewegungen waren nachholende Versuche, die noch bestehenden geistigen Stadtmauern zu schleifen:


 

http://www.traumaland.de/html/tbb.html


 

 


 

 


 

 


 

Quelle Tauberfränkischer Landbote Nr. 3, Frühling 1979
 


 


 

 

Einige Gedanken über die Jugendsituation Tauberbischofsheim aus den Jahren 1975 - 1977


Vergleicht man Tauberbischofsheim mit anderen Kleinstädten ähnlicher Größe und Kategorie, so ist man leicht geneigt festzustellen, daß in Tauberbischofsheim weniger los ist - man könnte auch von nichts los sprechen - und daß auch die vielen Jahre vorher sich nicht sehr viel erwähnenswertes im Jugendleben zugetragen hat. Weder gibt es Nennenswertes, Spektakuläres, langfristig Anhaltendes und Nachwirkendes aus den Zeiten der Jugendrevolte anzuführen noch daß über eine längere Zeit eine in sich homogenere, auf ein Ziel fixierende Gruppe mit langem Atem versucht hätte, an der Tauberbischofsheimer Erfahrungslosigkeit von Neuem, langweiligen Ereignislosigkeit des still vor sich hinverlaufenden Alltages etwas Entscheidendes zu verändern.

So nimmt Tauberbischofsheim seinen kreisenden, wiederkehrenden, nahezu geschlossenen Lauf. Ein Ausbruch aus dieser Situation, ein dringend benötigter Aufbruch findet nicht statt. Die Abiturienten ziehen von dannen in die großen Städte und kehren gelegentlich zum Wochenende oder während der Semesterferien nach Tauberbischofsheim zurück, um aber möglichst bald wieder von der ganzen Leere Abstand zu nehmen. Das Potential der Abiturienten, Studierenden geht der Kleinstadt größtenteils schnell verloren. Neue Ideen, Konzepte, Aktivitäten können sie in den Tauberbischofsheimer Alltag nicht einbringen. Mit fortwährender Dauer des Studiums findet so eine Entfremdung aus dem Tauberbischofsheimer Leben statt. Eine Entfremdung, die der Kleinstadt mehr schadet, als den distanziert bleibenden Tauberbischofsheimer Studenten. Die leicht Neues in den großen Städten finden, sich dort einbringen und für die Kleinstadt für immer verloren gehen.

Tauberbischofsheim, provinzielle Kleinstadt, 12000 Einwohner, Behörden- und Schulstadt, SPD-Bürgermeister, CDU-Stadtratsmehrheit, politische Jugendgruppen Jusos und JU, ein kleiner Haufen der DGB-Jugend. Die organisierten politischen Gruppen sind bis auf diverse Zeitungsveröffentlichungen, zur Schau Stellungen nicht besonders aktiv. Politische Aktionen, Aktivitäten spielen bei den Tauberbischofsheimern im Alltag keine große Rolle, keine besondere Öffentlichkeit. Wenige Jugendlichen, die politisch angetörnt sind. Einzelbewußtsein, das nicht in fruchtbaren Handlungen, Aktivitäten sich manifestiert.

Freizeitsituation: 2 Discos, ein Cafe ist der Schülertreffpunkt. Ansonsten Kneipen alten Formats, die vor allem Erwachsene frequentieren, also kein Schutzraum für Jugendliche. Eine Besonderheit sind die zahlreichen Plattenpartys, auf denen sind also große jugendliche Volksmassen, im Alter von 14 bis 20 Jahren. Die Plattenparties finden entweder Freitags oder Samstags statt. Unterschiedliche Veranstalter. Ältere Junggebliebene haben hier eher einen schwierigen Zugang.

Die besondere Situation der Jugendlichen, Junggebliebenen ist die Individualität und die Herrschaft der Cliquen. Entweder sind Jugendliche Einzelgänger oder in Cliquen eingebunden, die andere ausgrenzen, auf sich bezogen sind. Das behindert die gemeinsame Aktion der Tauberbischofsheimer Jugend. Es läuft viel auf der menschlichen Seite ab, man spricht viel über seine eigene Situation, über sein Verhalten, Leben, über Veränderungen. Aber das führt bisher nicht zu Rahmenbedingungen, dass die Tauberbischofsheimer Jugend sich auf ein Ziel hin aktiviert, zusammenschließt, Forderungen aufstellt, als große Gruppe öffentlichkeitswirksam bildet.

Es gab vom Oktober 1975 bis Januar 1976 eine kurzlebige Jugendhaus-Initiative. Aktion Wecker. Diese Initiative war nicht aus einer Kontinuität einer etwas homogeneren Gruppe entstanden, sondern war ein zusammen gewürfelter Haufen von diversen Leuten, die mit der gesamten JZ-Thematik nicht besonders vertraut war. So stürzte man sich sehr schnell in technische Sachen (Vereinssatzung), ohne dass sich die Leute selbst etwas näher gekommen wären oder dass überhaupt mal eine inhaltliche Diskussion zustande gekommen wäre. Es gab so kleine Jugendfraktiönchen. Mit dem Bürgermeister wurde auch ein Gespräch geführt, auch die Gemeinderäte gaben sich offiziell geneigt. Ein Hauptzielpunkt war die Veranstaltung einer Rockfete, um eine breitere Basis zu mobilisieren. Mit der hoffte man einen Durchbruch zu schaffen, doch die Fete wurde ein Einbruch. Sie fand zwar statt, aber ohne Perspektive, da es nicht gelang weitere Jugendlichen für die Aktion zu interessieren und als dann im Januar ein Verein gegründet werden sollte, war man personell dazu nicht mehr in der Lage. Die Jugendlichen verschwanden wieder in den Ritzen der Kleinstadtwelt und waren nicht mehr sichtbar, greifbar für gemeinsame Aktionen.

Im September 1976 gab es für kurze Zeit ein Aufflackern der Jugendhausgedankens. Das alte Gymnasium sollte für einen Straßenbau in Richtung Dittigheim abgerissen werden. Da kam der alternative Gedanken, hier Räume für Jugendliche zu schaffen. Eine Anzahl von Jugendlichen meldete sich mit einem Leserbrief zu Wort. Es geisterte auch der Gedanken an eine spektakuläre Besetzungsfete herum, um die Öffentlichkeit aufmerksam zu machen. Dazu kam es aber nicht.


 

Auffällig bei den Büschemer Jugendhausinitiativen ist die zeitliche Diskontinuität der Bewegungen. Die Aktivisten konnten immer nur für kurze Zeiten die Jugendhausbewegung in Gang bringen. Es gab immer wieder Pausen, in denen sich nichts tat. Dazu trug das kleinstädtische Sommerleben bei, in denen die Jugendliche die Freiräume nutzen konnten. Der kalte Winter dagegen ist Jugendhauszeit. Jugendhausbewegungszeit.


 

Die Tauberbischofsheimer Jugendhausbewegungen wurden auch zum Beispiel für David Templin in Freizeit ohne Kontrollen. Die Jugendzentrumsbewegung in der Bundesrepublik der 1970 Jahre, Göttingen 2015. Band 52 der Hamburger Beiträge zur Sozial- und Zeitgeschichte. Herausgegeben von der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg.


 

"Die zeitliche Kluft zwischen Zerfall und Neugründung, vielfach verbunden mit dem Wegzug älterer und der Politisierung jüngerer Aktivist/innen, bedeutete oftmals eine Zäsur für die lokale Bewegung, die mit dem Abbruch politischer Kontinuität verbunden war. In Tauberbischofsheim im Norden Baden-Württembergs war schon nach einem Zeitraum von zwei Jahren die Weitergabe von Erfahrungen weitgehend unterbrochen: 'Im März 1978 brachten wir endlich wieder eine JZ-Aktion in Bewegung. [...] Von der Aktion Wecker [von 1975/76], Anm. Templin] waren nur noch wenige Leute übrig geblieben, die auch diesmal wieder mitarbeiteten, und so konnten wir auf fast keine JZ-Erfahrungen zurückgreifen':" (S. 380)


 

 


 

Tauberfränkischer Landbote. Büschemer Alternativzeitung 1978 - 1979


Im Jahre 1978 manifestierte sich die Tauberbischofsheimer Jugendbewegung in mehreren Aktionsformen: als Jugendhausbewegung, als KDV-Gruppe, mit einer Alternativzeitung. Der Tauberfränkischer Landbote, deutlich an Büchners Hessischen Landboten angelehnt, erschien mit drei Ausgaben: im Frühling 1978, im Spätsommer 1978 und im Frühling 1979. Die drei Ausgaben unterscheiden sich in Inhalt und Aufmachung recht deutlich, die dritte Ausgabe hatte die meisten Autoren. Der Tauberfränkische Landbote präsentierte sich mit deutlich bewussten Provinzbezug, thematisierte in Eigenbeiträgen lokale und regionale Ereignisse. Mundartlich in der Nachfolge Josef Dürrs stehend, diesen imitierend, greift ein Gedicht tauberfränkisch dialektisch die Geschehnisse um die Boxberger Teststrecke auf. Die Verwendung  von Mundart, das Styling von Überschriften in ältlichen Schrifttypen, der bewusste Heimatbezug galt fortschrittlichen Linken damals noch als sehr verdächtig.
Die erste Ausgabe hatte noch wenige Eigenbeiträge. Einer griff den „Rauschmittelkonsum in der Szene 78 in und um Tauberbischofsheim“ auf. Einige widmen sich dem damals beginnenden Widerstand gegen die Daimler-Benz Teststrecke bei Boxberg. Noch war der Widerstand lokal begrenzt auf die einheimischen Bauern. Die kommende Zusammenarbeit zwischen den Boxberger Bauern und den Jugendbewegungen wird schon nahezu prophetisch angekündigt. Noch musste aber zueinander und eine gemeinsame Sprache gefunden werden: „Aber wir müssen erst zueinander finden, auf der einen Seite die Landwirte, deren Boden vernichtet wird, und uns der jüngeren Generation, die auch noch später hier leben wird. Noch bestehen zwischen uns große Barrieren, unsere Vorurteile gegeneinander (Bauern = rückständig, thumb, verstockt, gegen Neues; Wir = langhaarig, vergammelt, arbeitsfaul), die es schwer machen Gemeinsamkeiten zu finden und die es den Politikern leicht machen uns auseinander zuhalten. Wir müssen hier versuchen, das Anders-Sein der anderen zu akzeptieren, kennen zulernen und uns gegenseitig mit  neuen Ideen zu befruchten, dann wird auch der Widerstand erfolgreich sein.“ (Aus: Schließt euch zusammen, leistet Widerstand – Gegen alle Rennstrecken in diesem Land! In: Tauberfränkischer Landbote Nr. 1, April/Mai 1978, Seite 11


Ein weiterer Artikel befasst sich anhand der Daimler Benz Teststrecke mit Regionalplanung, Raumordnung, Landesplanung. Ein Thema, das unter anderem zu den „Zwölf Artikel von Schwabhausen, wundervoll historisch genau angelehnt an die 12 Artikel der Bauern und Bürger im Bauernkrieg von 1525, führte. Ebenso zu einem Traum-a-Land Seminar zur Regional(ver)planung und im Januar 1979 zum Schwerpunktheft „Verplante Provinz“ (Nr. 5). Das überschritt rein jugendliche Themen, griff die Provinzsituation auf. Provinz war ein wichtiges Schlagwort. Die Provinz wurde bewusst entdeckt. Das „Manifest der Provinzarbeiter“ (Seite 17 / 18) verdeutlichte dieses energische Streben nach einem neuen Leben in der Provinz, in den engen Kleinstädten, in den Dörfern.

Kritisch wurde im Artikel „Schulkampf“ Vorgänge am Matthias-Grünewald Gymnasium aufgegriffen. Ein Artikel stellt die Idee der Selbstverwaltung eines Jugendzentrums in Tauberbischofsheim vor.
Heft 2 (erschienen Sommer & Herbst `78) zeigte sich inhaltlich wesentlich verbessert und auch das Lay-Out wirkte einheitlicher, weniger wild zusammengebastelt. Im heutigen PC-Alter kaum noch reproduzierbar, mit welchen bescheidenen Mittel damals Medien wie eine Alternativzeitung erstellt wurden: Die Überschriften mit Letraset oder mit Tuschestiften über Schablonen zusammengesetzt. Die Texte wurden noch mit der Schreibmaschine erfasst. Tippfehler mit Tippex bearbeitet. Randausgleich gab es noch nicht. Die Ausgabe 2 präsentierte allerdings verschiedene Schrifttypen, recht gleichmäßig durch die Verwendung von elektrischen Schreibmaschinen produziert, ergab sich für damalige Verhältnisse und Produktionsweise ein erstaunlich gutes Bild.

Ein „Editorial“ befasst sich mit dem „Orkan der Tauberbischofsheimer Subkultur“: „Der Untertitel drückt das aus, was wir tatsächlich sind: eine Subkultur. Aber nicht um der Subkultur willen, sondern weil unsere eigene Lebenssituation und Lebenszusammenhänge als Jugendliche in der Öffentlichkeit weder berücksichtigt noch akzeptiert werden, aber wir auch noch nicht in der Lage sind, dafür zu sorgen, dass wir als eine eigenständige Gruppierung anerkannt werden. Im öffentlichen Bewusstsein werden wir als Randgruppe abgetan, aus unserem Aussehen und Auftretensweise werden die schlimmsten Vorurteile gezogen, falls man uns überhaupt zur Kenntnis nimmt.
Das was hier unter dem Namen Subkultur zusammengefasst wird, darf nicht als irgendeine Einheit verstanden werden, da sie 

überhaupt nicht einheitlich ist, sondern sich unterteilt in die verschiedenen Cliquen und Individuen, deren Lebensformen und Lebensvorstellungen manche Gemeinsamkeit haben, aber auch gegensätzlich zueinander stehen können.
Unsere Zeitung soll ein Versuch sein, die Nichtberücksichtigung unserer Interessen im öffentlichen Leben ansatzweise zu durchbrechen, zu zeigen, dass es in TBB auch Formen eines anderen Lebens gibt, dass es hier Leute gibt, die ihre Lebensidentität nicht aus Vereinsmeierei, kleinstädtischen Geschäftsinteressen usw. beziehen.“ (Seite 2)

Wenn auch damals noch nicht so genannt, zeichnet hier sich die beginnende soziokulturelle Differenzierung von Kleinstädten ab.
Wichtige Themen waren wieder die Jugendhausbewegung in TBB, darunter zwei interessante Analysen des jugendlichen Alltags, die Eigenkritik von Meetings der Aktion Jugendtreff, das Ringen, die jugendlichen Belange in Sprache und Taten umzusetzen: „Im Verlauf der Sitzung wurde wieder einmal ganz deutlich, dass wir eher sagen können, was wir nicht wollen, als dass wir genau formulieren können, was wir wollen. Das ist natürlich für den Fall einer Diskussion mit den CDU/SPD/FWG-Gemeinderäten zu wenig und würde für uns einen Schiffbruch geben, da wir erstens einmal die bestehenden Vorurteile gegen uns und unser Anliegen aufbrechen müssen und zweitens sehr deutlich aufzeigen müssen, wozu ein Jugendhaus wichtig ist, warum wir es fordern, was wir darin machen wollen, wie unser Selbstverwaltungsmodell aussieht, wer Träger des Jugendhaus ist.“ (Aus: Jugendtreffalltagssituationen. In: Heft Nr. 2, Seite 9).

Deutlich wird auch, dass Veranstaltungen der Aktion Jugendtreff zur Verbesserung der Freizeitsituation führten und sich ein gemeinschaftliches Feeling einstellte: „Wie oft haben wir im Jugendtreff ein gutes Feeling gehabt, das zwar nicht lange angehalten hat, aber es war doch etwas, das es gebracht hat und an das wir uns gerne wieder erinnern. Ist denn nicht gerade unser Kneipenlied gegen Langeweile und Passivität spontan entstanden und dann den ganzen Abend gesungen worden, oder das Malen der Plakate und Zeichnungen zur Rockfete, bei dem gerade die Leute aktiv wurden, die bei den endlosen, theoretisierenden Redeschlachten still am Tisch sitzen und die Rockfete erst, die uns doch alle getörnt hat und auch zum ersten Mal in TBB ein Massenfeeling aufkommen ließ, das Basteln und Bemalen des Jugendhauses zum Altstadtfest und die vielen Gespräche zu zweit, das hat’s doch irgendwie gebracht, uns reicher gemacht an positiven Erfahrungen, und uns durch die möglich gewordenen Änderungen gestärkt hat.“ (Aus: Alltagsbewältigung. In: Heft Nr. 2, Seite 10)
Dem Widerstand gegen die Teststrecke wurde wieder breiter Raum eingeräumt, eine schöne Collage macht Schwabhausen zum Asterix- & Obelix-ken Widerstand gegen die „Daimlers“. Statt Römerhelmen werden Mercedes-Benz-Wagen gestapelt. Auch hier wieder im Design die gelungene Verbindung von Widerstand gegen die Teststrecke und Bildern aus dem Bauernkrieg.

Ein fünfseitiger Artikel bilanziert 10 Jahre Jugendbewegungen in den Kleinstädten seit dem Ausbruch der antiautoritären Revolte und fragt den zukünftigen Perspektiven der Provinz- und Kleinstadtbewegungen.

Aber nicht nur politischen Themen wurde in der zweiten Ausgabe Platz eingeräumt, diese zeigte sich auch auf vielen Seiten literarisch, auf fünf Seiten nahezu selbst wenn karlvalentinadisch. Eher schulzisch, lehmannisch. Muckbachtalwächterisch. Chefsache halt.





Hier der vollständige Text der veröffentlichten PDF-Version


TAUBERBISCHOFSHEIMER SCHÜLERBEWEGUNG

Anti-NPD Demonstration
Sonnenplatz
1969

Nahezu 60 Schüler und Schülerinnen – vornehmlich des Matthias-Grünewald-Gymnasiums - zeigten im September 1969 erstmals apo-mäßige Aktionen in der tauberfränkischen Kleinstadt. Lehrer versuchten noch gegen die Demo einzuwirken. Ungefährlich war die Demonstration gegen den NPD-Vorsitzenden Adolf von Thadden nicht. War der NPD-Ordnungsdienst für rücksichtslosen Einsatz gegenüber Demonstranten bekannt, hatte ein „Ordner“ der NPD in Kassel auf demonstrierende Schüler geschossen! Es war auch eine Demonstration gegen die zunehmende Wirkung der NPD im tauberfränkischen Hinterland. Die NPD war in den Landtag von Baden-Württemberg eingezogen. Adolf von Thadden erschien nicht in Tauberbischofsheim. Dafür wirkte auf dem Sonnenplatz erregend neu der antiautoritäre Geist in dieser Kleinstadt. Anschließend zogen noch einige Teilnehmer spontan zum Geschäftshaus eines Tauberbischofsheimers, der für die NPD kandidierte und äußerten dort ihren Unmut.


Numerus-Clausus Schülerstreik am
Matthias-Grünewald-Gymnasium
1970


Die ersten Jahre der Studentenrevolte und der antiautoritären Bewegung gingen am Tauberbischofsheimer Gymnasium fast unbemerkt vorüber. In anderen Schulen, wie z. B. im Nachbargymnasium Wertheim waren durch die politischen Aktivitäten eines großen Teils der Schüler autoritäre Strukturen bereits angegriffen. Im Matthias-Grünewald-Gymnasium dagegen betätigten sich nur wenige, vereinzelte Schüler politisch. So war denn auch bis zum Streik im Frühjahr 1970 eine von Abiturienten durchgeführte Demonstration mit Dutschke-Bild im Schulhof das einzige Ereignis, das die ruhige Schulroutine unterbrach.
Der oft erdrückenden Unterrichtssituation wussten die Schüler nur altbekannte Schülerstreiche entgegen zu setzen, die schulische Realität als solche wurde anscheinend von den meisten als ärgerlich aber unveränderbar angesehen. Um so erstaunlicher scheint es bei dieser Vorgeschichte, dass die Schüler in der Lage waren, einen Streik mit offensichtlich politischer Perspektive zu organisieren, einen Streik, der zudem noch nicht einmal das aktuelle Schülerdasein betraf, sondern der gegen die Einführung des Numerus Clausus an den Universitäten gerichtet war.


Der Streik war von den Jusos landesweit ausgerufen worden. Drei Tage sollten die die Gymnasien des Landes gegen die Zulassungssperren an den Hochschulen streiken. Die Zulassungssperren wurden als eine erste ernsthafte Einschränkung der verfassungsmäßig garantierten Freiheit der Berufswahl bekämpft, die allerdings angesichts der heutigen Praxis von Berufsverboten nur als Anfang der Zersetzung dieses Bürgerrechts angesehen werden kann.


Der Aufruf zum Streik ging auch bei der Tauberbischofsheimer SMV ein, löste zunächst jedoch nur einige Diskussionen unter den Schülern aus. Einen Streik hielten die meisten für nicht durchführbar. Den eigentlichen Anstoß lieferte ein einzelner Schüler, der während der Schulstunden handgeschriebene Zettel an die Klassenzimmertüren heftete, in denen er zum Streik aufrief. Auch das schien anfänglich nicht mehr als Aufsehen bei den Schülern zu erregen. Die Schulleitung jedoch versuchte in ihrem autoritären Machtanspruch solche geringe Anzeichen von Auflehnung schon im Keime zu ersticken. In einer Schulversammlung, die auf den Tag vor Beginn des landesweiten Streiks angesetzt wurde, sollte der Vorfall bereinigt werden. Jetzt erst wurde eine ganze Gruppe von Schülern aktiv, um den Streik doch noch durchzusetzen. Die meisten Schüler waren bis zur Schulversammlung schon von den Absichten dieser Schülergruppe informiert. Auf der Versammlung verlas ein unbeteiligter, notenmäßig nicht gefährdeter Schüler eine Resolution dieser Schülergruppe, in der die Abstimmung über den Streik gefordert wurde.


Nur wenige Schüler nahmen in den nächsten zwei Tagen (nach zwei Tagen wurde der Streik beendet) an den Unterrichtsstunden teil. Die meisten erschienen jedoch trotzdem und diskutierten über die Hintergründe des Streiks. In diesen Diskussionen zeigte sich ein vorher nicht für möglich gehaltenes Interesse der Schüler für politische Vorgänge und für Verbesserung der Schulsituation.
So zufällig die Durchführung des Streiks am Matthias-Grünewald-Gymnasium war, so wenig organisiert die Schüler in Tauberbischofsheim auch waren, für die Schulleitung und die Landesregierung war dieser im ganzen Land durchgeführte Streik (in unserer Gegend streikten außerdem noch das Gymnasium Mergentheim und Wertheim und das Wirtschaftsgymnasium Wertheim) wohl ein ziemlicher Schock. Der sicher geglaubte ort politischer Indoktrination des akademischen Nachwuchses schien ein ähnliches Schicksal zu erleiden wie zuvor die Universitäten. Mehrere Landtagsabgeordnete (einer davon kam dann tatsächlich) kündigten sich zu einer weiteren Schulversammlung an. Die Schülermitverwaltung bekam plötzlich das Recht eine neue Verfassung der SMV selbst zu konzipieren, deren wesentlicher Teil, nämlich der über Rechte und Pflichten später dann doch nicht genehmigt wurde. Es wurde also alles getan, um den Protest der Schüler ins Leere laufen zu lassen. Neun Jahre danach kann klar erkannt werden, dass dies der Landesregierung tatsächlich gelungen ist. Aus diesem Streik kann heute höchstens noch gelernt werden.
Zum einen ist wohl ein Streik an Schulen offensichtlich ein geeignetes Machtmittel zur Durchsetzung von Schülerinteressen, anders lässt sich die Aufregung der Schulleitung nach dem Streik nicht erklären. Zum zweiten wird jedoch auch klar, dass ohne Organisation der Schüler berechtigte Interessen der Schüler kaum über einen längeren Zeitraum hinweg durchgesetzt werden können. Zu leicht können sonst mit nie eingehaltenen Versprechungen die wenigen aktiven Schüler hingehalten werden, bis sie irgendwann die Schule verlassen haben. Die, die nach ihnen kommen, müssen wieder bei Null anfangen.


Aus: Roter Spuk TBB 1970. Numerus-Clausus-Schülerstreik am Grünewald-Gymnasium. In: Traum-a-land – Provinzzeitung für Franken-Hohenlohe. Schwerpunkt: Die politische Geschichte unserer Region. Streiflichter aus der Provinz 1969-1979. Nr. 8, Juli 1979, S. 18/19




PAO
Politischer Arbeitskreis Oberstufe
am
Matthias-Grünewald-Gymnasium
1971

Das Namenskürzel PAO verdeutlicht die geistige Verwandtschaft, den politischen Bezug. Hier verbirgt sich die Tauberbischofsheimer APO, vertreten durch Schüler der Oberstufe. Auch am Wertheimer Gymnasium bildete sich noch vor den USI-Jahren ab 1969 ein politischer Arbeitskreis, der das Kürzel APO etwas umgestellt übernahm. Natürlich kein Vergleich zur studentisch dominierten APO der BRD. Die Tauberbischofsheimer PAO blieb auf das Gymnasium beschränkt, zeigt aber die Manifestation von Unzufriedenheit mit den Zuständen am Gymnasium:

„Wenn Sie mit Ihrem Schülerlos zufrieden sind, wenn Sie glauben, in der Schule immer gerecht behandelt und benotet zu werden, wenn Sie der Meinung sind, unser Schulsystem sei nicht verbesserungsbedürftig, dann können Sie hier aufhören zu lesen. Wir wollen Ihnen nämlich hier unter dieser Rubrik über Ereignisse berichten, die zu beanstanden und zu kritisieren sind. Darüber hinaus wollen wir Sie zu Aktionen gegen diese Geschehnisse mobilisieren.

Zum heutigen Fall: An unserem Gymnasium sollte für die Oberstufe eine Veranstaltung über die Bundeswehr und allgemein über Fragen des Kriegsdienstes stattfinden. Ein Jugendoffizier des Bundeswehr wurde zu diesem Zweck eingeladen. Es wäre nun recht und billig gewesen, als Vertreter der Gegenseite ein Kriegsdienstverweigerer einzuladen. Doch Herr Oberstud.Dir. Bischof hatte ein treffendes Gegenargument: Ein Erlaß vom Kultusministerium, nach dem ein Kriegsdienstverweigerer zu der Veranstaltung nicht zugelassen werden konnte (nach Interpretation). Wir fordern Sie daher auf, wehren Sie sich gegen eine derartige Zensur. Dieser Erlaß verstößt gegen das Grundgesetz. Da wir ja in einer viel gerühmten Demokratie leben, haben wir das Recht, uns frei und unzensiert zu informieren. Wir verlangen mit allem Nachdruck diese Veranstaltung. Unterstützt uns dabei. Tuen Sie sich mit der SMV, dem PAO oder den Redakteuren zusammen, um Gegenmaßnahmen zu beraten. Machen Sie eine Unterschriftensammlung oder eine Gegenveranstaltung mit Bundeswehroffizier und Kriegsdienstverweigerer zum Beispiel.


PAO
(Politischer Arbeitskreis Oberstufe)
Aus: Info. In: Schluckauf 1, Juli 1971 Schülerzeitung des Matthias-Grünewald-Gymnasiums Tauberbischofsheim, Seite 40/41



Das Thema Kriegsdienstverweigerung war auch in den weiteren Jahren immer wieder Konfliktstoff an den Tauberbischofsheimer Schulen. Ab 1978 bildete sich ein regelmäßiger Arbeitskreis zur Kriegsdienstverweigerung, zur Friedensarbeit.

Die Ausgabe 1 von Schluckauf beweist in mehreren Artikeln den damaligen Unruhegeist unter einigen Schülern, die sich allerdings ob ihres Minderheitenstatus bewusst waren: „Immerhin ist es ein Trost für den Herrn Direktor, dass unsere Oberstufe doch nicht in dem Grade von links unterwandert ist, wie es bei anderen Gymnasien der Fall sein soll …“ (Aus: Rechtsblind? In: Schluckauf 1, Juli 1971 Schülerzeitung des Matthias-Grünewald-Gymnasiums Tauberbischofsheim, Seite 29/30) Ein weiteres Beispiel: „Etwas bedauerlich ist für mich die Tatsache, dass es an unserer Schule nicht mehr Kriegsdienstverweigerer gibt. – Warum eigentlich?“ (Aus: Kriegsdienst Verweigerung. In: Schluckauf 1, Juli 1971 Schülerzeitung des Matthias-Grünewald-Gymnasiums Tauberbischofsheim, Seite 38/39)

Groß gefeiert wurde der Sieg von drei Schülern des Matthias-Grünewald-Gymnasiums in einem Wettstreit durch Bürgermeister, Stadträte und dem Lehrkörper. Präsente an die teilnehmenden Schüler wurden gereicht. Das stand unter politischem Verdacht: „Wozu ein solch Spektakel? Man kann nicht umhin, in dem ganzen Fall ein weiteres Ablenkungsmanöver zu vermuten, durch das die Aufmerksamkeit von der kaum noch zu kaschierenden Bildungsmisere in unserer Anstalt abgewendet werden soll. Evtl. Schüleraktivitäten sollen in harmlosere Bahnen gelenkt und dadurch entschärft werden.“ (Aus: Nachlese. In: Schluckauf 1, Juli 1971 Schülerzeitung des Matthias-Grünewald-Gymnasiums Tauberbischofsheim, Seite 34)


Auf geäußerte Kritik wurde damals hart reagiert. Auch im Konvikt, dem Erzbischöflichen Studienheim als vorübergehenden Lebens- und Arbeitsort vieler katholischer Schüler aus der näheren und weiteren Region. Kritische Schüler mussten das Konvikt verlassen, da sie ohne Erlaubnis das Studienheim verlassen und auch wieder betreten hatten, zudem eine Andacht geschwänzt hatten: „Beide wussten: Diese nächtliche Aktion war nur letzter Anlaß gewesen, um zwei Kritiker des Hauses loszuwerden. Für sie bedeutete dieses Ableben nicht den Tod, sondern Erlösung und Befreiung von Konflikten, die sie teils mit der Ordnung und dem Vorsteher ausgetragen hatten, zum größeren Teil aber Erlösung von aufgezwungener Heuchelei. Sie fühlten sich ihrem Gewissen mehr verpflichtet als autoritärem Zwang.“ Die beiden Schüler „waren die profiliertesten Kritiker im Studienheim, die keine Mühe scheuten, um sich mit den Zuständen und den Vorstehern (soweit dies möglich war. Meist wurde ihre Kritik in wilden Wut- und Tobsuchtsausbrüchen der Vorsteher erstickt) auseinander zusetzen. …

Mit dem Abgang der beiden Schüler verliert die Schülerschaft ihre stärksten Vertreter in den Auseinandersetzungen mit den Vorstehern. … Sind auch die revolutionären Verbesserungsvorschläge für viele nicht realisierbar, so vertraten diese beiden mit Mut ihre Überzeugung. Dazu der Schulsprecher: Was den Schülern und dem ganzen Haus jetzt noch nutzt, ist eine Revolutionierung der Zustände nach pädagogischen Gesichtspunkten, nicht die Revolution in autoritärer Abhängigkeit. Betrachtet man einmal die sogenannten Erzieher, so wird man schnell feststellen, und das Ordinariat in Freiburg wird das bestätigen, dass diese ‚Erzieher’ doch immerhin ein abgeschlossenes Theologiestudium haben. Daß diese Vorbildung in keiner Weise für eine Erziehungsaufgabe ausreicht, dürfte jedem klar geworden sein. Für einen großen Teil der Schüler ist es nicht möglich in diesem Heim ‚ehrlich’ zu leben. – Schade! Daran können nur die Schüler selbst etwas ändern, und ich möchte sie dazu auffordern.“ (Aus: Der Rausschmiss. In: Schluckauf 1, Juli 1971 Schülerzeitung des Matthias-Grünewald-Gymnasiums Tauberbischofsheim, Seite 26-28)

Der antiautoritäre Geist hatte Grünewald-Gymnasium und Konvikt erreicht, konnte allerdings auf direktem Wege nicht viel bewirken. Das, was heute als bürgerschaftliches Engagement gesucht und gelobt wird, wurde gern im Keim erstickt. Ein Nichtaufgreifen gesellschaftlicher Impulse führt allerdings durchaus zur Selbstisolation, zur inneren Aushöhlung. Ein wichtiges Institut der Tauberbischofsheimer Kultur, das Konvikt, war damals ohne es zu ahnen, am Anfang seines Endes angelangt. Der ans alte Konviktgebäude angeschlossene Neubau demonstrierte nur äußerliche Modernität. Die innere Modernisierung blieb aus. Das Knabenkonvikt lag in seinen letzten Zügen. Ein späterer Umbau zu einem Bildungshaus hatte keinen langen Bestand.


Politischer Arbeitskreis TBB

Nach dem Aus- und Verlaufen der antiautoritären Schülerbewegung gab es einen Versuch, politisches Engagement auch außerhalb der Schule zu initiieren:

„Politik kann auch Spass machen … wenn sie nicht einseitig vorprogrammiert ist, sondern sich am öffentlichen Interesse orientiert (Politik: lat. Res publica – öffentliche Sache / Interesse).
Politik ist nicht nur für Politiker, sondern für alle da, lautet unser Grundsatz, den wir mit Hilfe unserer Gruppe zu verwirklichen suchen.

Auch Du hast sicher Probleme, die Du alleine nicht lösen kannst: eine Gruppe kann Dir dabei helfen, denn: Einen Finger kann man brechen, fünf Finger geben eine Faust.

Die Gruppe ist nicht nur für Dich ein Gewinn, sondern Du auch für die Gruppe. Erst in ihr wirst Du erkennen, dass Du kein Einzelfall bist, sondern, dass es noch andere mit gleichen Problemen gibt.
Probleme haben Ursachen. Wir sehen die Ursachen in politischen und wirtschaftlichen Struktur! Wenn Du gleicher Meinung bist oder mehr darüber erfahren willst, schließ Dich unserer Gruppe an.

POLITISCHER ARBEITSKREIS TBB
Treffen im Ev. Gemeindezentrum Würzburgerstr.“
Ca. 1973/74



Schülerarbeitskreis / Marion Bentin
am
Matthias-Grünewald-Gymnasium
1977

Im Herbst 1977 versetzte der Fall der Lehrerin Bentin die ehrbare Honoratiorenschaft der Tauberbischofsheimer Oberschicht in hellste Aufregung und erregte Aktivität, wie sie dieses Provinzstädtchen bisher selten erlebt hat. Mit dem schon von illustren CDU-Elternkreisen während der Schülerrevolte oft benutzten Lockruf „Wehret den Anfängen“ sammelte sich die auf die rechte Palme gebrachte CDU-Truppe und zog gerüstet in den Kampf, um die Harmonie des sonstigen Schulfriedens (nicht für die Schule – für das Leben lernen wir) und der üblichen Schulfestreden (Bla Bla Bla) in Tauberbischofsheim eiligst wiederherzustellen.

Schließlich könnte eine unbequeme Stimme, die kritisch und aufklärend wirken würde, in einer Instanz, die den Erziehungsauftrag hat, „das Menschen sich gefallen lassen, was man nachher mit ihnen anstellt; denn kein Mensch krümmt sich beizeiten, da keine ein Häkchen werden will“ (Ernst Bloch) allzu leicht am Bärendreck der bürgerlichen Schulideologie von sozialem Aufstieg und entsprechender Leistungsmotivation kratzen und ketzerische Fragen aufwerfen. Und es sah so aus, als würde am Gymnasium und anderen Schulen ein ständig wachsender Unruheherd entstehen.
Aufgehängt wurde der massive Rollbackversuch an der Mitgliedschaft Marion Bentins im KBW, was in der kleinstädtischen Welt der Stammtisch- und Vetterliswirtschaft, die sowieso jeden, der nicht in das gleichmachende Bild der Biertischsprüche und des gegenseitigen auf die Schulterklopfens passt, automatisch zu Außenseitern stempelt, von vornherein Stein des Anstoßes und Grund zu emotionsgeladener Hetze ohne Differenzierungsmöglichkeit war. So wurde beispielsweise vor einigen Jahren ein Religionslehrer zum Angriffspunkt der geschäftstüchtigen Honoratiorenschaft, der im Unterricht beim Thema Militarismus Kriegsdienstverweigerer zu Worte kommen lassen wollte und auch noch statt Baader-Meinhof-Bande Baader-Meinhof-Gruppe sagte, und deshalb die wohlbetuchten Sprösslinge auf gefährlichste Abwege hätte bringen können.

Unterstützt wurde das Ganz von einem lokalem Chefredakteur der meistgelesenen Zeitung im badischen Frankenland, der kräftig ins Horn blies und mit diversen Enttarnungskünsten über den KBW aufmerksam machte, ohne jedoch auf die teilweise konkreten Gedanken Bentins überhaupt einzugehen. Die hervorzuhebendste Gesamtleistung seiner journalistischen Sorgfaltspflicht und Ausgewogenheit war es, die positiven Leserbriefe bis auf eine Ausnahme nicht zu veröffentlichen, da diese den kleinstädtischen Frieden noch mehr gestört hätten.

Was war so Schreckliches geschehen? Marion Bentin weigerte sich in ihren Klassen die Noten fünf und sechs zu verteilen, diskutierte in ihren Klassen während des Unterrichts über Leistungsdruck und der Konkurrenzsituation der Schüler untereinander, lud Eltern zu einem eigenen Elternabend ein, unterstützte einen Schülerarbeitskreis, verteilte Flugblätter, unterhielt sich in der Fußgänger mit Bürgern der Stadt.

Waren diese Aktivitäten anfangs bei vielen Schülern aber auch Lehrern auf Zustimmung gestoßen (endlich mal was los), so zeigt es sich doch leider, dass die Auseinandersetzung mit dem Notensystem für Marion Bentin allein auf Rekrutierungs- und Profilierungsabsichten für den KBW abzielte, was es natürlich Schulvorstand und CDU-Eltern leicht machte, die Auseinandersetzung auf die Person Bentins und ihrer KBW-Mitgliedschaft festzunageln und von der Problematisierung und Infragestellung des herrschenden Leistungs- und Konkurrenzdenkens abzulenken. Deshalb blieb auch der Kreis der ansprechbaren Schüler ziemlich klein und selbst die Schüler des Arbeitskreises standen in kritischer Distanz zu Marion Bentin, die immer dogmatischer auf die ihr vorgegebene KBW-Linie abfuhr und dann vorschriftsmäßig nach KBW-Methodik vorging (auch in der Auseinandersetzung um die Teststrecke sind ihre wiederkehrenden Sprüche inzwischen sattsam bekannt).

Ziel Marion Bentins war es mehr oder weniger, ihre Entlassung aus dem Schuldienst zu provozieren, um dadurch den Schülern den Repressionscharakter des Staates aufzuzeigen. Dies entspricht der typischen leninistischen Entlarvungstheorie: statt Erfolgserlebnisse, die einen stärken und weiterbringen, sich permanente Frustrationserfahrungen einholen. Dass durch solche sinn- und perspektivlose Aktivitäten langfristigere, wirksamere Lernprozesse verhindert werden, scheint den KBW-Strategen nicht einleuchten zu wollen. Als Marion Bentin aus dem Schuldienst entlassen wurde, war wegen der extremen Polarisierung und Isolierung keine Solidarität mehr mit ihr möglich. Man muß es deutlich sehen: Marion Bentin war das bewusst gewollte Opfer ihrer eigenen KBW-Strategie.

Aus: Die KBWehliche Stimme Heilbronns und die schweren Jungs von der CeDeUh. Der Fall Bentins) in TBB. In: Traum-a-land – Provinzzeitung für Franken-Hohenlohe. Schwerpunkt: Die politische Geschichte unserer Region. Streiflichter aus der Provinz 1969-1979. Nr. 8, Juli 1979, S. 16/17

HINWEIS: KBW = Kommunistischer Bund Westdeutschland, maoistisch orientierte Gruppierung, die im badischen Frankenland geringsten Anhang fand, aber durch Pseudopräsenz weniger Aktivisten einige Jahre lang in den 70er Jahren durchaus nervend auftrat.






TAUBERBISCHOFSHEIMER JUGENDHAUSBEWEGUNG

Arbeitsgemeinschaft Jugendzentrum
„Aktion Wecker“
1975

1975 wurde von mehreren Seiten aus versucht, Aktivitäten in Richtung eines Jugendhauses zu starten. Seit dem März klebten immer wieder Aufforderungen ein Jugendhaus zu schaffen an den Straßenlaternen, zunehmend auch mit dem Bezug, eine Aktionsgruppe zu gründen. Gespräche unter einigen Jugendlichen fanden dazu statt. Die Junge Union Tauberbischofsheim griff in einer Meinungsumfrage beim Altstadtfest zu örtlichen Belangen auch das Thema Jugendzentrum auf. Ein Drittel der Befragten sprachen sich für die Einrichtung eines Jugendzentrums aus.
Volontäre der Fränkischen Nachrichten setzten sich auf ihre journalistische Weise auf einer mit „Explosiv“ betitelten Sonderseite im September mit der Situation von Jugendlichen und dem Thema Jugendhaus in der Region (Wertheim, Tauberbischofsheim, Bad Mergentheim usw.) auseinander. Der journalistische Befund für Tauberbischofsheim ergab unter dem Titel ‚jugend im dornröschenschlaf’: „die tauberbischofsheimer jugendszene steht mit beiden beinen fest in der krise. … ein echtes kommunikationszentrum existiert nicht. auf die frage nach dem ‚warum’ gibt es kraß gesagt nur eine antwort: die tauberbischofsheimer jugend ist unfähig, sich von den konventionen des elternhauses zu lösen, eigene ideen zu entwickeln und durchzuführen – eben schlicht und einfach: nicht engagiert …“ 


Darauf reagierten einige Jugendliche mit Leserbriefen:
„Am Beispiel der Tauberbischofsheimer Jugendszene wird deutlich, welches große Missverhältnis zwischen geweckten Bedürfnissen nach Kommunikation und zwischenmenschlichen Beziehungen (Wunsch auf ein Jugendhaus in Selbstverwaltung) und dem Angebot zur Befriedigung dieser Wünsche durch die in Tauberbischofsheim anzufindenden ‚Jugendzentren’, die gänzlich an den Profiinteressen ihrer Besitzer (Berufsjugendliche) orientiert sind, besteht. Gerade dadurch, dass die Freizeit nicht durch eine autonome Öffentlichkeit, sondern durch den Terrorzusammenhang der modernen Kleinfamilie strukturiert wird und trotz Jugendwohlfahrtsgesetz Privatsache ist, sind die Ausbruchsversuche eines einzelnen aus dieser Beengung ‚Ausbruchsversuche innerhalb der Gefängnismauern’ (Negt). Die Privatheit der freien Zeit nutzen die kommerziellen Treffpunkte durch ihr Angebot an Glücksversprechen aus, aber heute erzeugen diese hinfälligen Versprechen weitere Frustrationen.

Ein selbstverwaltetes Jugendhaus dagegen ist die notwendige Gegenöffentlichkeit, in der sich alternative Lebensweisen entfalten können. Die in der Selbstverwaltung beinhalteten kreativen Ausdrucksformen können die Öffnung der Barrieren der Triebstruktur, der Sprache, der Verkehrsformen ermöglichen. Selbstverwaltung, Selbsterhaltung, Selbstgestaltung sind adäquate Ausdrücke unterdrückter Bedürfnisse. Leistungsdruck, Aufstiegschancen, elitäres Cliquenbewusstsein entsprechen den bestehenden Verhältnissen und werden im Vereinsleben durch Vorstände, Funktionäre reproduziert.

Die Jugendlichen in Tauberbischofsheim haben vor allem ein Interesse an einem selbstverwalteten Jugendhaus, was die Meinungsumfrage, aber auch die Besuche Jugendlicher aus Tauberbischofsheim im Wertheimer Jugendhaus zeigen. Momentan gibt es in Tauberbischofsheim verschiedene Bestrebungen, eine Jugendzentrumsbewegung zu initiieren. Das große Problem ist es, wie diese Gruppen und andere einzelne Interessierte aus ihrer Anonymität zu einem geeigneten öffentlichen Forum zusammenfinden können. Der Widerspruch, dass die Selbstorganisation auch ‚organisiert’ werden kann, dass der organisatorische Rahmen für Lernprozesse jeweils zu schaffen ist, wird erst in einer gemeinsamen Basis mit entsprechender Perspektive zu lösen sein. Begreifen und Verändern der Wirklichkeit fallen zusammen.“

Das war im eher harten Jargon damaliger politischer Jugendarbeit vorgetragen, benannte aber das Tauberbischofsheimer Grundproblem der Bildung einer Jugendhausinitiative: Im Gegensatz zu Wertheim gab es keinen größeren Kern von Jugendlichen, aus dem heraus die Jugendhausinitiative gestartet werden konnte. Dann bildeten sich im Herbst 1975 zwei Gruppierungen: „Ein Förderverein Kommunikationszentrum und Freizeitgestaltung“ wollte sich gründen, der allerdings sich nicht auf Jugendliche beschränken wollte. Zum anderen vereinten sich Jugendliche in der Aktion Wecker – Arbeitsgemeinschaft Jugendzentrum. Mit einem Flugblatt und einer Rockfete sollte eine größere Basis unter den Tauberbischofsheim Jugendlichen erreicht werden. Die Rockfete wurde allerdings zu einem gewissen Misserfolg, da zum Konzert im Engelsaal nur ca. 120 Jugendliche erschienen. Größeres Problem war allerdings die innere Struktur der Arbeitsgemeinschaft, die nicht zu einer langfristigeren Perspektive und Zusammenarbeit führte. Im Frühjahr 1976 verlief sich zunächst einmal der Gedanke an ein Jugendhaus in Tauberbischofsheim


Forderungen nach einem Jugendhaus
1976/77

Der Wunsch nach einem Jugendhaus in Tauberbischofsheim war weiterhin präsent, er führte allerdings noch nicht wieder zur Bildung einer festen Gruppe, die entsprechende Wünsche vortragen konnte bzw. in dieser Richtung aktiv zu werden. Im September 1976 machten 14 Jugendliche aus Tauberbischofsheim darauf aufmerksam, dass anstatt eines geplanten Abrisses des alten Gymnasiums dieses als Jugendhaus nutzbar gemacht werden sollte:
„In Wahlkampfzeiten brüsten sich die Parteien damit, welch hervorragende Taten man bisher für die Jugendlichen geleistet habe. Betrachtet man aber die Freizeitsituation der Jugendlichen in Tauberbischofsheim, so erkennt man schnell die Wahlaussagen als hohle Phrasen. Was haben denn die hohen Herren Politiker ganz konkret unternommen, damit die nach §5,3 Jugendwohlfahrtsgesetz vorgeschriebenen, ‚für die Wohlfahrt der Jugendlichen erforderlichen Einrichtungen und Veranstaltungen ausreichen zur Verfügung stehen’? Doch nichts, einfach ganz und gar nichts! Laut Zeitung vom 2.12.1975 stehen dem Stadtjugendring, einem Ring ohne Jugend, lächerliche 3000 DM zur Verfügung. Soll das etwa genügen, um die notwendigen jugendpflegerischen Angebote zu machen? Aus der Sicht von Politikern vielleicht. Die Jugendlichen von Tauberbischofsheim aber sitzen auf der Straße. Kein Jugendlicher kann es sich auf die Dauer leisten, jeden Abend mehrere Markstücke für Getränke auszugeben, nur um in Gaststätten verweilen zu können. Soll arbeitslosen Jugendlichen zugemutet werden, ihr geringes Arbeitslosengeld allein nur in die Kneipen zu ragen?
Seit einiger Zeit steht das alte Gymnasium leer. Wenn man den Gerüchten glauben darf, soll es abgerissen werden, um einem nutzlosen Straßenbau nach Dittigheim zu weichen. Ein unverständlicher Plan. Sind doch die Verkehrsverhältnisse nach Dittigheim für den herrschenden Verkehr dorthin ausreichend. Beabsichtigt man etwa die Straße nur deshalb zu bauen, weil dies dann eventuell eine Kreisstraße würde und die Stadt keine finanziellen Aufwendungen machen müsste?

Im alten Gymnasium oder in der Turnhalle nebenan könnte man mit geringen finanziellen Mitteln Räume für die Jugendlichen einrichten; die Freizeitprobleme wären größtenteils behoben. Der Wunsch nach solchen Räumen ist unter den Jugendlichen weit verbreitet. Sicherlich werden sich die verantwortlichen Politiker der Forderung nach einem Jugendzentrum nicht entgegenstellen, man wird diese Idee sogar begrüßen. Aber in der kommenden Zeit wird sich am Verhalten der Politiker zeigen, ob der Satz gilt, dass die Jugend, wenn sie von der Straße kommen will, auf die Straße gehen muß.“
Das war zwar plakativ vorgetragen, blieb aber eine Einzelaktion. Es zirkulierte unter den Jugendlichen ein Papier „Für ein Jugendzentrum in Selbstverwaltung Tauberbischofsheim“, das die Ideen eines Jugendhauses genauer vorstellte, die Freizeit und Sozialisationssituation in Tauberbischofsheim näher analysierte:
„In Tauberbischofsheim kann man auf Grund der fehlenden Freizeitangebote mit seiner Freizeit kaum etwas anfangen. Der Besuch der bestehenden Discos und Kneipen ist wegen dem Konsumzwang für die meisten der Jugendlichen kaum durchzustehen. Viele Jugendliche lässt zwar die Einseitigkeit der Verein unbefriedigt, trotzdem unterwerfen sie sich den Vereinsstrukturen, weil es keine konkrete Alternative dazu gibt. Über die vorgezeichneten Bahnen des Vereinslebens wird das Verhalten der Erwachsenen nachgeahmt. Aufgrund der fehlenden Treffpunkte sind die Jugendlichen in viele Cliquen aufgespaltet, die sich nach außen abkapseln und dadurch keine Veränderung der Lage der Jugendlichen bringen können.“

In einem weiteren Papier „Für ein selbstverwaltetes Jugendhaus“ wird als notwendiger Schritt eine gemeinsame Aktion zur Forderung nach einem Jugendhaus benannt:

„Warum ist in Tauberbischofsheim nichts los? Sicher es gibt viele objektive Gründe – aber es liegt auch an unserem Verhalten, unserem Herumhängen. Und es liegt an uns das zu ändern. Und es warten viele, dass irgendetwas passiert, das den gewohnten Trott  aufbricht. Aber es wird nichts passieren, solange nichts von den Leuten selbst kommt, die auf eine Veränderung ihrer Situation warten. Unsere Spaltung in viele Cliquen und isolierte Typen kann nur dann aufgehoben werden, wenn wir gemeinsam etwas für bessere Freizeitbedingungen unternehmen. Nur durch einen solchen gemeinsamen Schritt werden sich Beziehungen unter vielen Leuten herstellen und kann die Leere in den zwischenmenschlichen Beziehungen gefüllt werden. In TBB sind die Ansätze zu gemeinsamen Aktionen bescheiden geblieben – zu einer Veränderung haben sie bisher noch nicht geführt. Wir müssen versuchen für unsere Bedürfnisse eine Öffentlichkeit zu schaffen – und das könnte in einem Jugendzentrum geschehen. In einem selbstverwalteten JZ wäre Raum für eine alternative Freizeitgestaltung, für alternative Lebensweisen.“
Das blieb papiernes Stückwerk. Erst 1978 bildete sich wieder eine feste, größere Gruppe von Jugendlichen, die das Thema Jugendhaus wieder anging.



Aktion Jugendtreff
1978

Im März 1978 brachten wir endlich wieder eine JZ-Aktion in Bewegung. Dazu trug wesentlich der Kommentar eines älteren Journalisten bei. Dieser Journalist, der schon 1975 mit einer typisch provinziellen Kolumne – Jugendritis – über das Thema Jugendhaus mokierte, kann sich offensichtlich nicht vorstellen, dass in einer – gehobenen – Kleinstadt wie TBB es Jugendliche gibt, die nicht im üblichen Vereinsleben mit eingeschlossen sind, sondern etwas anderes machen wollen.

Dieser Kommentar war der Anlaß, dass einige Leute ungefähr 300 Unterschriften für ein Jugendhaus sammelten. Daraus entstand dann die Aktion Jugendtreff, die sich ab März wöchentlich im ev. Gemeindezentrum traf. Damit begannen auch die Schwierigkeiten, eigentlich vor allem mit uns selber.

Von der Aktion Wecker waren nur noch wenige Leute übrig geblieben, die auch diesmal wieder mitarbeiteten, und so konnten wir auf fast keine JZ-Erfahrungen zurückgreifen. Die ersten Versammlungen waren für die meisten so ziemlich frustrierend, da die mitgebrachten Bedürfnisse, die Erwartung, das mal was lost ist, durch den Verlauf dieser Sitzungen nicht befriedigt werden konnten. Wir redeten und zerredeten uns, machten Vorschläge und zerschlugen sie auch wieder und die Redepausen wurden auch immer länger, weil oft keiner mehr weiter wusste. Einen alternativen Anspruch zu formulieren ist so’ne Sache und aus seinem eigenen Abwarten in aktives Handeln umsteigen auch. Vorerst konnte wir als erste JZ-Erfahrungen Sprüche, Widersprüche und gelegentliche Ansprachen sammeln.

Da uns klar wurde, wie schwierig es war im großen Rahmen eine Diskussion zu führen und auch noch daraus was zu machen, versuchten wir in Arbeitsgruppen zu arbeiten. Nachdem eine Arbeitsgruppe bei einem Treffen in einer Privatwohnung ein brauchbares, nicht alltägliches Flugblatt entworfen hatte und wir es in der Fußgängerzone und an den Schulen verteilten, hatten wir auch mal ein größeres Erfolgserlebnis.

Zudem waren ab und zu die Treffs zufrieden stellend verlaufen, da wir anfingen, zielstrebiger zu werden. Da wir uns auf unsere Spontaneität allein nicht verlassen konnten, versuchten wir die Sitzungen vorzubereiten, gewissermaßen Angebote zu machen, auf die dann die Leute abfahren konnten.

Der Höhepunkt unserer Aktionen war die Rockfete am 26. Mai im Saal des Gasthauses Engel. 350 Leute drängten sich in den kleinen Saal und die Gruppen Stonehenge, Rocking Chair und Suzi Q schafften eine einmalige Stimmung. Gut ankam auch das Theaterstück und die selbstgemachten JZ-Lieder.

Ein paar Tage später war die erste Kontaktaufnahme mit den Gemeinderäten. Hier zeigte sich als Hauptinteresse der Räte die Frage nach einem Verantwortlichen und der Finanzierung.
Wir hatten gehofft durch die Rockfete neue Leute zu uns zu bewegen, doch statt dessen wurden wir langsam immer weniger. Die von uns vorgenommene Gründung eines Trägervereins erwies sich durchaus als großer Flop, da die meisten Mitglieder nach den Sommerferien in die Städte abwanderten.

Zum Altstadtfest bastelten wir ein Jugendhaus aus Pappe und bemalten es um auf uns aufmerksam zu machen und brachten wieder eine Theaterstück.

Tja, nach dem die Sommerferien vorbei waren, war auch die Aktion Jugendtreff verlaufen. Die Tauberbischofsheim Jugendkultur war um ihre – erste und phantasiereichste – Jugendbewegung ärmer.
Aus: JZ-Bewegung TBB: In: Tauberfränkischer Landbote Nr. 3, Frühling 1979, Tauberbischofsheim, Seite 16


Nachbemerkungen:
Die Aktion Jugendtreff revitalisierte sich 1979 und konnte nach Jahre langen Bemühungen die Einrichtung eines Jugendhauses erreichen.
Ein kleinstädtischer Brückenschlag gelang einem CDU-Stadtratsmitglied, der trotz Ablehnung der Einrichtung eines Jugendhauses den Druck des Jugendhausflugblattes ermöglichte.
Auf den Vorschlag eines CDU-Stadtrats, die Aktion Jugendtreff sollte es zunächst ohne Jugendhaus probieren, kam der erinnernswerte Werte Slogan: Eine Aktion Jugendhaus ohne Jugendhaus ist wie eine Fußballmannschaft ohne Fußballplatz!




TAUBERBISCHOFSHEIMER FRIEDENSBEWEGUNG

KDV-Gruppe Tauberbischofsheim
1978

Für die Tauberbischofsheimer Jugend ein besonders wichtiges Thema, das in dieser Nachkriegs-Garnisionsstadt immer wieder aufgegriffen wurde. Die katholische Grundierung förderte die Einstellung, die Kriegsdienstverweigerung zu personalisieren. 1978 bildete sich eine feste Gruppe, nachdem zuvor Einzelpersonen Beratungen anboten. Immer wichtiger wurde die generelle Friedensarbeit, nachdem man entdecken konnte, dass die tauberfränkische Region nahezu zu einem militärischen Bollwerk ausgebaut worden war, das wiederum das Bedrohungspotential für die Region erhöhte.

In Tauberbischofsheim stellte das Militär einen wichtigen Machtfaktor dar. Schon 1968 verteilte ein Tauberbischofsheimer Schüler vor der Kurmainz-Kaserne Antikriegsflugblätter. Ein weiterer Tauberbischofsheimer, der vor der Kaserne Flugblätter verteilte, wurde gar von den Feldjägern für eine Nacht „kaserniert“. Neben Diskussionsveranstaltungen, Filmabenden, Schweigekreisen in der Fußgängerzone war der erste Ostermarsch 1983 im Taubertal ein großer Erfolg (Siehe Traum-A-Land, Provinzzeitung für Franken-Hohenlohe, Nr. 31, Mai & Juni 1983, Seite 25)


Tote leben länger

Der Plan der Bundesregierung ist es, die Bundeswehr in die Bevölkerung zu integrieren. Sie soll nicht mehr, wie bisher, ein notwendiges Übel oder eine von vielen gehasste Organisation sein; vielmehr soll sie jetzt als Organisation erscheinen, die rauschende Feste veranstaltet und dabei jede Gaudi mitmacht (wie beim Altstadtfest in TBB), und die einem Sicherheit vor den wilden Horden aus dem Osten bietet). Die Bundeswehr will als Kumpel auftreten, und nicht als Steuergelder fressende Institution, die die Kriegsgefahr und damit verbundene Kriegsopfer nur noch potenziert. Ihr wahres Bild will die Bundeswehr durch ihre Öffentlichkeitsarbeit verschleiern. Nicht nur Erwachsene und Jugendliche sind das Ziel ihrer einseitigen Propaganda. An den Tagen der offenen Tür lehrt man schon Kinder, wie sie mit MG’s umzugehen haben.

Auch in Külsheim fand ein solcher Tag der offenen Tür statt. Die KDV-Gruppen von Wertheim und Tauberbischofsheim beschlossen, an diesem Tag Flugblätter gegen den Krieg zu verteilen. Jedoch, als man anfing diese auszuteilen, folgte prompt eine Ausweiskontrolle der Polizei. Weiterhin wurde es Soldaten vor der Kaserne verboten, Flugblätter anzunehmen oder mit uns zu sprechen; in der Kaserne selbst stellte man Abfallbehälter auf, in welche die Besucher die Flugblätter gleich hineinwerfen sollten. Alle Flugblattverteiler erhielten Hausverbot. Die Kasernenleitung brachte Flugblätter heraus, in denen die KDV’ler als Störer und ihre Aktionen als unfair abgestempelt wurden. Auf solche Störungen war die Bundeswehr eingestellt: die Flugblätter waren vorgedruckt (umrandet mit schwarz-rot-gold), der Inhalt lies sich auf jeden x-beliebigen anderen Störer beziehen. Selbst die hohen Offiziere waren anscheinend von ihrer Sache nicht überzeugt: ein Anruf einer der ‚Störer’ wurde, als er sich als solcher zu erkennen gab, mit ‚Sie sind einer der Störer, mit so einem diskutiere ich nicht!’ beantwortet. Die Bundeswehr zeigte an diesem Tag wenigstens den KDV’lern ihr wahres Gesicht. Die Bundeswehr macht Fortschritte!
Aus: Tauberfränkischer Landbote. Orkan der Tauberbischofsheim Subkultur. Nr. 2 Sommer & Herbst 1978.


TAUBERBISCHOFSHEIMER ALTERNATIVZEITUNG
TAUBERFRÄNKISCHER
LANDBOTE
Orkan der Tauberbischofsheimer Subkultur
1978/1979


Im Jahre 1978 manifestierte sich die Tauberbischofsheimer Jugendbewegung in mehreren Aktionsformen: als Jugendhausbewegung, als KDV-Gruppe, mit einer Alternativzeitung. Der Tauberfränkischer Landbote, deutlich an Büchners Hessischen Landboten angelehnt, erschien mit drei Ausgaben: im Frühling 1978, im Spätsommer 1978 und im Frühling 1979. Die drei Ausgaben unterscheiden sich in Inhalt und Aufmachung recht deutlich, die dritte Ausgabe hatte die meisten Autoren. Der Tauberfränkische Landbote präsentierte sich mit deutlich bewussten Provinzbezug, thematisierte in Eigenbeiträgen lokale und regionale Ereignisse. Mundartlich in der Nachfolge Josef Dürrs stehend, diesen imitierend, greift ein Gedicht tauberfränkisch dialektisch die Geschehnisse um die Boxberger Teststrecke auf. Die Verwendung  von Mundart, das Styling von Überschriften in ältlichen Schrifttypen, der bewusste Heimatbezug galt fortschrittlichen Linken damals noch als sehr verdächtig.
Die erste Ausgabe hatte noch wenige Eigenbeiträge. Einer griff den „Rauschmittelkonsum in der Szene 78 in und um Tauberbischofsheim“ auf. Einige widmen sich dem damals beginnenden Widerstand gegen die Daimler-Benz Teststrecke bei Boxberg. Noch war der Widerstand lokal begrenzt auf die einheimischen Bauern. Die kommende Zusammenarbeit zwischen den Boxberger Bauern und den Jugendbewegungen wird schon nahezu prophetisch angekündigt. Noch musste aber zueinander und eine gemeinsame Sprache gefunden werden: „Aber wir müssen erst zueinander finden, auf der einen Seite die Landwirte, deren Boden vernichtet wird, und uns der jüngeren Generation, die auch noch später hier leben wird. Noch bestehen zwischen uns große Barrieren, unsere Vorurteile gegeneinander (Bauern = rückständig, thumb, verstockt, gegen Neues; Wir = langhaarig, vergammelt, arbeitsfaul), die es schwer machen Gemeinsamkeiten zu finden und die es den Politikern leicht machen uns auseinander zuhalten. Wir müssen hier versuchen, das Anders-Sein der anderen zu akzeptieren, kennen zulernen und uns gegenseitig mit  neuen Ideen zu befruchten, dann wird auch der Widerstand erfolgreich sein.“ (Aus: Schließt euch zusammen, leistet Widerstand – Gegen alle Rennstrecken in diesem Land! In: Tauberfränkischer Landbote Nr. 1, April/Mai 1978, Seite 11

Ein weiterer Artikel befasst sich anhand der Daimler Benz Teststrecke mit Regionalplanung, Raumordnung, Landesplanung. Ein Thema, das unter anderem zu den „Zwölf Artikel von Schwabhausen, wundervoll historisch genau angelehnt an die 12 Artikel der Bauern und Bürger im Bauernkrieg von 1525, führte. Ebenso zu einem Traum-a-Land Seminar zur Regional(ver)planung und im Januar 1979 zum Schwerpunktheft „Verplante Provinz“ (Nr. 5). Das überschritt rein jugendliche Themen, griff die Provinzsituation auf. Provinz war ein wichtiges Schlagwort. Die Provinz wurde bewusst entdeckt. Das „Manifest der Provinzarbeiter“ (Seite 17 / 18) verdeutlichte dieses energische Streben nach einem neuen Leben in der Provinz, in den engen Kleinstädten, in den Dörfern.
Kritisch wurde im Artikel „Schulkampf“ Vorgänge am Matthias-Grünewald Gymnasium aufgegriffen. Ein Artikel stellt die Idee der Selbstverwaltung eines Jugendzentrums in Tauberbischofsheim vor.
Heft 2 (erschienen Sommer & Herbst `78) zeigte sich inhaltlich wesentlich verbessert und auch das Lay-Out wirkte einheitlicher, weniger wild zusammengebastelt. Im heutigen PC-Alter kaum noch reproduzierbar, mit welchen bescheidenen Mittel damals Medien wie eine Alternativzeitung erstellt wurden: Die Überschriften mit Letraset oder mit Tuschestiften über Schablonen zusammengesetzt. Die Texte wurden noch mit der Schreibmaschine erfasst. Tippfehler mit Tippex bearbeitet. Randausgleich gab es noch nicht. Die Ausgabe 2 präsentierte allerdings verschiedene Schrifttypen, recht gleichmäßig durch die Verwendung von elektrischen Schreibmaschinen produziert, ergab sich für damalige Verhältnisse und Produktionsweise ein erstaunlich gutes Bild.

Ein „Editorial“ befasst sich mit dem „Orkan der Tauberbischofsheimer Subkultur“: „Der Untertitel drückt das aus, was wir tatsächlich sind: eine Subkultur. Aber nicht um der Subkultur willen, sondern weil unsere eigene Lebenssituation und Lebenszusammenhänge als Jugendliche in der Öffentlichkeit weder berücksichtigt noch akzeptiert werden, aber wir auch noch nicht in der Lage sind, dafür zu sorgen, dass wir als eine eigenständige Gruppierung anerkannt werden. Im öffentlichen Bewusstsein werden wir als Randgruppe abgetan, aus unserem Aussehen und Auftretensweise werden die schlimmsten Vorurteile gezogen, falls man uns überhaupt zur Kenntnis nimmt.
Das was hier unter dem Namen Subkultur zusammengefasst wird, darf nicht als irgendeine Einheit verstanden werden, da sie überhaupt nicht einheitlich ist, sondern sich unterteilt in die verschiedenen Cliquen und Individuen, deren Lebensformen und Lebensvorstellungen manche Gemeinsamkeit haben, aber auch gegensätzlich zueinander stehen können.

Unsere Zeitung soll ein Versuch sein, die Nichtberücksichtigung unserer Interessen im öffentlichen Leben ansatzweise zu durchbrechen, zu zeigen, dass es in TBB auch Formen eines anderen Lebens gibt, dass es hier Leute gibt, die ihre Lebensidentität nicht aus Vereinsmeierei, kleinstädtischen Geschäftsinteressen usw. beziehen.“ (Seite 2)

Wenn auch damals noch nicht so genannt, zeichnet hier sich die beginnende soziokulturelle Differenzierung von Kleinstädten ab.
Wichtige Themen waren wieder die Jugendhausbewegung in TBB, darunter zwei interessante Analysen des jugendlichen Alltags, die Eigenkritik von Meetings der Aktion Jugendtreff, das Ringen, die jugendlichen Belange in Sprache und Taten umzusetzen: „Im Verlauf der Sitzung wurde wieder einmal ganz deutlich, dass wir eher sagen können, was wir nicht wollen, als dass wir genau formulieren können, was wir wollen. Das ist natürlich für den Fall einer Diskussion mit den CDU/SPD/FWG-Gemeinderäten zu wenig und würde für uns einen Schiffbruch geben, da wir erstens einmal die bestehenden Vorurteile gegen uns und unser Anliegen aufbrechen müssen und zweitens sehr deutlich aufzeigen müssen, wozu ein Jugendhaus wichtig ist, warum wir es fordern, was wir darin machen wollen, wie unser Selbstverwaltungsmodell aussieht, wer Träger des Jugendhaus ist.“ (Aus: Jugendtreffalltagssituationen. In: Heft Nr. 2, Seite 9).

Deutlich wird auch, dass Veranstaltungen der Aktion Jugendtreff zur Verbesserung der Freizeitsituation führten und sich ein gemeinschaftliches Feeling einstellte: „Wie oft haben wir im Jugendtreff ein gutes Feeling gehabt, das zwar nicht lange angehalten hat, aber es war doch etwas, das es gebracht hat und an das wir uns gerne wieder erinnern. Ist denn nicht gerade unser Kneipenlied gegen Langeweile und Passivität spontan entstanden und dann den ganzen Abend gesungen worden, oder das Malen der Plakate und Zeichnungen zur Rockfete, bei dem gerade die Leute aktiv wurden, die bei den endlosen, theoretisierenden Redeschlachten still am Tisch sitzen und die Rockfete erst, die uns doch alle getörnt hat und auch zum ersten Mal in TBB ein Massenfeeling aufkommen ließ, das Basteln und Bemalen des Jugendhauses zum Altstadtfest und die vielen Gespräche zu zweit, das hat’s doch irgendwie gebracht, uns reicher gemacht an positiven Erfahrungen, und uns durch die möglich gewordenen Änderungen gestärkt hat.“ (Aus: Alltagsbewältigung. In: Heft Nr. 2, Seite 10)
Dem Widerstand gegen die Teststrecke wurde wieder breiter Raum eingeräumt, eine schöne Collage macht Schwabhausen zum Asterix- & Obelix-ken Widerstand gegen die „Daimlers“. Statt Römerhelmen werden Mercedes-Benz-Wagen gestapelt. Auch hier wieder im Design die gelungene Verbindung von Widerstand gegen die Teststrecke und Bildern aus dem Bauernkrieg.

Ein fünfseitiger Artikel bilanziert 10 Jahre Jugendbewegungen in den Kleinstädten seit dem Ausbruch der antiautoritären Revolte und fragt den zukünftigen Perspektiven der Provinz- und Kleinstadtbewegungen.


Aber nicht nur politischen Themen wurde in der zweiten Ausgabe Platz eingeräumt, diese zeigte sich auch auf vielen Seiten literarisch, auf fünf Seiten nahezu karlvalentinadisch.