Kleinstadtforschung


Mein Geburtsort, meine Kindheit, meine Jugendzeit in Tauberbischofsheim konfrontierten mich mit dem Kleinstadtleben. Aber auch die umliegenden Kleinstädte wie Külsheim, Grünsfeld, Lauda, Boxberg, Wertheim, Bad Mergentheim, Walldürn, Buchen. Es ist auffällig, welche Kleinstadtdichte unsere Region, der benachbarte Raum hat. Und dass in diesem großen ländlichen Raum größere Städte fehlten. Die Perspektive hieß für viele Abwanderung in den städtischen Raum. Mit der Jugendhausbewegung im tauberfränkischen Raum sowie Odenwald, Hohenlohe, entstand zum ersten Mal ein Diskussionsforum über die Provinz. Und die darin befindlichen Kleinstädte und Dörfer. Über Strukturen, Machtverhältnissen, Lebensformen. Im Traum-a-land Zusammenhang wurde das Leben in der Provinz, in den Kleinstädten, zu einem wichtigen, zu einem permanenten Thema. Das mich auch auf den weiteren Lebenswegen begleitete. Bis heute. In der Zeitschrift PRO REGIO und mit der Onlinepublikation PRO-REGIO-ONLINE beschäftigten wir uns in den letzten Jahrzehnten ausführlich mit dem Wandel der Kleinstädte. In meinen Beiträgen war der tauberfränkische Raum mit seinen vielen Kleinstädten, war Tauberbischofsheim auch immer der Resonanzboden für Analysen. Das Thema Kleinstädte wird von der Wissenschaft sehr stiefmütterlich behandelt. Es gibt nur selten Publikationen. Es gibt kaum eine Forschungstradition zum Thema Kleinstadt. Wenig zur aktuellen Entwicklung der Kleinstädte. Zum Wandel von Kleinstädten seit 1945 siehe:

http://www.pro-regio-online.de/downloads/klein1.pdf 

http://www.pro-regio-online.de/downloads/klein6.pdf

http://www.traumaland.de/html/ab_1945.html

http://www.traumaland.de/html/kleinstadte.html
Hier ist die Beobachtung aktuellerer struktureller Entwicklungen tauberfränkischer Kleinstädte, damit auch besonders Tauberbischofsheims, eingeflossen.

TauberBischofsheim hat mehrere Phasen von Entwicklungen erlebt. Eine selbstbewußte bis zum 2. Juni 1525. In der man in der Landschaft des Mainzer Oberstiftes eine führende Rolle einnahm. Eine geknechtete unter der Knute von Kurmainz bis Napoleon kam und alle Zuordnungen ändernde. Wenn auch eine Zeit des erfolgreichen Weinbarocks. Eine hinterländische als badischer Provinzort mit Verlust der bisherigen Wirtschaftsbedeutung als Weinort mit kultureller Provinzialisierung bis in die 1980er Jahre hinein. Eine modernisierte als aufstrebende Kleinstadt in Prosperität seitdem. 
 
Das Bild von Bischeme, Büscheme, Bischi, von TauberBischofsheim ist allerdings immer noch geprägt vom Bild eines Provinzortes. Weltfern, hintendran. Aktuelle Tendenzen werden meistens nicht wahrgenommen. Tauberbischofsheim ist kein Tauberbischofheim. Also kein Heim für einen tauben Bischof. Um mal diesem Kalauer einzubringen. Einen Bischof gab es also nicht. Jedenfalls nicht als direkten Einwohner. Bischofsheim war eine Amtsstadt an der Tauber. Jahrhunderte lang eine kurmainzische. Der kurze Aufstand während des Bauernkrieges wurde mit vollständiger Unterwerfung beantwortet. Statt zu einem Zentrum frühbürgerlicher Revolution und christlicher Reformation wurde Bischofsheim zur Stätte von Gegenreformation und Innerer Mission. Das prägte den Bischemer Untertanen-Geist.
 
Tauberbischofsheim ist eine süddeutsche Kleinstadt. Die Ummauerung sorgte für eine dichte innerstädtische Besiedlung. In der Unterstadt waren die Quartiere links und rechts der Hauptstrasse die der Unterschichten: Häcker, Tagelöhner, Ziegenbauern, Gerber usw. Einige Quartiernamen wie Dörgei, Wallachei, Mongolei, Bolagei und Kloa-Venedich zeigen dies an. Die Stadtmauer engte den kleinstädtischen Horizont ein. Der Niedergang der Weinwirtschaft führte zur Provinzialisierung. Anschluss an die Industrialisierung wurde zunächst nicht gefunden.  
 
Die Ansicht des *bischemer* Stadtbildes hat im Verlauf der letzten Jahrhunderte einige Veränderungen erfahren. Abriß der umgürtelnden, einengenden Stadtmauern und Stadttürmen. Begradigung des Tauberverlaufes. Bau der Bahnlinie. Stadterweiterungen. Abriß von Stadtvierteln. usw. Autoren wie Wilhelm Heinrich Riehl, Wilhelm Weigand, Friedrich Alfred Schmid Noerr, Carlheinz Gräter haben ausführliche Schilderungen des Stadtcharakters, sowohl des Stadtbildes als auch der Bewohner hinterlassen. Innensichten, des einfachen Häckerlebens, der Provinzialisierung dieser Kleinstadt, bieten Josef Dürr, Hugo Pahl, Otto Heilig. Wilhelm Heinrich Riehl befand Tauberbischofsheim bei seiner Wanderung auf dem Weg zu einer „halbwegs neuen Stadt“. Baulich ist das umgesetzt. Den altstädtischen, wohlgeformten Baukörper umgestülpt. Das Alte flächenhaft entfernt. 
 
Wilhelm Weigand präsentiert an einigen Stellen in den mehrfach überarbeiteten Auflagen seines Romanes "Die Frankenthaler" die resignierte Alltäglichkeit, Spießbürgerlichkeit, den ewigen, sich wiederholenden Kreislauf Bischofsheims um 1900 herum: "... war mit der Zeit klein, lahm und buckelig geworden und zum philisterhaften Spießbürger herabgesunken. Alles, ohne Unterschied der Person oder des Standes, lebte gedankenlos von der Hand in den Mund. ... und die Gewerbetreibenden, samt den Stadtbauern, die mit den gleichen Augen wie ihre friedlichen Ochsen durch die Tore gingen, hatten Mühe genug, sich auf den Beinen zu halten, und waren, aus purer Angstmeierei, jeder fruchtbaren Neuerung von Grund aus abgeneigt. ... irgendeinem blöden Spießbürger, der in seinem ganzen Mostschädel nicht so viel Ideen besaß, als er in seiner kleinen Zehe. Die Beamten aber, die sich von dem Mark des Volkes mästeten und hochmütig in ihrem Kasino beisammenhockten, waren in ihrer Art nicht besser. Diese ganze Gesellschaft hatte keine Ahnung, wieviel Uhr die Weltgeschichte geschlagen hatte". Die Kritik Weigands an der biederen engen Alltäglichkeit, am immer wiederkehrenden Kreislauf ähnelt stark der kritischen Sicht Hermann Hesses an seinem Geburtsort Calw, aka den kleinen Erzählungen um Gerbersau. Hesse und Weigand sind sich begegnet: Bei den süddeutschen Monatsheften. Weigand als Herausgeber, Hesse als Autor mit dem Erstdruck "In der alten Sonne". 1905. Das Gerbersau zum Thema hatte. Ob Calw, Gerbersau, Frankenthal oder Tauberbischofsheim - die ausgebliebene Modernität, die kleinstädtisch-kleinbürgerliche Enge, das fehlende Weitdenken, das biedere Herumwirtschaften der Honoratioren, die Welt der kleinstädtischen Sonderlinge und ihre Sprüche - diese Kleinstädte hatten ihre literarisch begabten Kritiker und scharfsinnige Beobachter. Und wurden in deren Erstlingswerken zur Literatur. 

Das Thema Kleinstadt begegnet einem durchaus in der Literatur und Wissenschaft. Aber man muss sich auf das Thema einlassen wagen. Es gibt ja viel größere Themen, mit denen man glänzen kann. Die Kleinstadt, die Provinz, das bleibt immer gern im akademischen Abseits. Man wohnt als Wissenschaftler zwar gern im ländlichen Ambiente, beschäftigt sich aber inhaltlich wenig mit ihm. Es wird zwar gern über Kleinstädte gesprochen, aber viel zu wenig analytisch. Adorno lobte Amorbach als Städtchen, das ihn quasi auf alles Spätere vorbereitete, indem er das Städtische, das Urbane finden konnte. Das würde ich von Tauberbischofsheim so nicht behaupten wollen. Es fehlte mir an Tauberbischofsheim doch so einiges. Von dem, was ich wollte, von dem, wohin ich wollte. Aber es hat mich als Kleinstädter geprägt.







Den Wandel der (tauberfränkischen) Kleinstädte - und damit auch meistens Büscheme - in den 1980/1990er Jahre beschreibt der Aufsatz:


Die Neuen Klein-Städte
- Der aktuelle Wandel vom Provinz-Ort zur Regio-City


Wissenschaftliche Fachdiskurse, Seminare und Tagungen über den ländlichen Raum unterliegen in aller Regel denselben immer wiederkehrenden Mängeln: Sie reduzieren sich auf die Betrachtung des Dorfes, analysieren den Wandel des dörflichen Wirtschafts- und Soziallebens oder diskutieren über den ländlichen Raum in seiner ökologischen Funktion als naturräumliche Ressource, debattieren über das Problematische oder pittoresk Pastorale von landschaftlichen Besonderheiten oder widmen sich dem ländlichen Raum als Produktionsstandort von Landwirtschaft und Marginalindustrien. Wenig beachtet bzw. völlig vernachlässigt werden hingegen die große Bedeutung und die neuen Möglichkeiten der in den 1980er Jahren beschleunigt gewachsenen und inzwischen infrastrukturell gut ausgebildeten Kleinstädte in den Regionen, vor allem der Zentren, die auf den regional-planerischen Entwicklungsachsen liegen. Viele Kleinstädte in den ländlichen Regionen weisen einen enormen Boom in wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht auf, bieten mit Mittel- und Großstädten vergleichbare Konsumstandards und -angebote, haben im Dienstleistungsbereich aufgeschlossen und besitzen eine differenzierte fachärztliche Versorgung. Das alte Bild über die Kleinstädte zwischen Biedermeier und Spitzweg, rothenburger Mittelalterlichkeit und wertheimer Klein-Heidelbergerheit, Spießbürgertum und Ackerbürgerlichkeit, Kleinbürgerwelt und Traditionskultur, Provinzialität und Anti-Urbanität, trifft die heutige Realität und Multikulturalität des kleinstädtischen Lebens längst nicht mehr und spiegelt sich höchstens in den Wunsch- und Wahnbildern mancher Groß-Urbanisten wieder. (1)



Philosophische Bilder von Provinz und Kleinstädten

Die philosophischen Bilder über Provinz und Kleinstädte schwanken zwischen Extremen. Heidegger bemüht und über-hebt in seinem Aufsatz „Schöpferische Landschaft: Warum bleiben wir in der Provinz?“ (2) bäuerliche Bodenständigkeit und Arbeit in die Wesensverwandtschaft zu seiner Philosophie: „Und die philosophische Arbeit verläuft nicht als abseitige Beschäftigung eines Sonderlings. Sie gehört mitten hinein in die Arbeit der Bauern. Wenn der Jungbauer den schweren Hörnerschlitten den Hang hinaufschleppt und ihn alsbald mit Buchenscheiten hoch beladen in gefährlicher Abfahrt seinem Hof zulenkt, wenn der Hirt langsam-versonnenen Schrittes sein Vieh den Hang hinauftreibt, wenn der Bauer in seiner Stube die unzähligen Schindeln für sein Dach werkgerecht herrichtet, dann ist meine Arbeit 'von derselben Art'. Darin wurzelt die unmittelbare Zugehörigkeit zu den Bauern.“ (3) Verwurzelung, Bodenständigkeit und Boden-Glauben sind ihm Artverwandtes und Hilfreiches seiner Ursprungsphilosophie, um das Erste, den Alles-Punkt der Ableitung, das Sein des Seienden zu entbergen. Nicht umsonst hat ihn T.W. Adorno wegen der Stilisierung bauerntümlicher Klischees als „Ganghofer der Philosophie“ gedeutet. (4) Heideggers Provinz-Begriff ist der des dörflich-bäuerlichen Bodenverhaftet- und Abgeschieden-Seins ohne Frischluftzufuhr von Außen.

Wie der Meßkirchener Heidegger hat auch T.W. Adorno einen großen Teil seiner Kindheit in einer Kleinstadt, nämlich Amorbach, verbracht und erlebt. Amorbach ist aber für ihn nicht die Erfahrung des Ursprungs, sondern die des Unvergleichlichen, des Einzigartigen und des Besonderen, das in die Kindheit hineinscheint: „Dennoch läßt sich einzig an einem bestimmten Ort die Erfahrung des Glücks sich machen, die des Untauschbaren, selbst wenn nachträglich sich erweist, daß es nicht einzig war. Zu Unrecht und zu Recht ist mir Amorbach das Urbild aller Städtchen geblieben, die anderen nichts als seine Imitation“. (5) Auch erwies sich die kleinstädtische Welt nicht als Krähwinkel und Ort des kulturellen Stumpfsinns, sondern bewies in Zeiten der Vertreibung vorausgenommene Weltläufigkeit: „So gut hatte mein Städtchen mich behütet, daß es mich noch auf das ihm gänzlich Entgegengesetzte vorbereitete.“ (6)

Ernst Bloch dagegen befand „Öde und Kleinstadt“ (7) als synonym. Er verweist auf die Zeit, als die heutigen Kleinstädte noch Städte waren, städtische Funktionen ausübten und städtisches Leben besaßen: „Früher gab es nur kleine Städte, wieso erschien da alles anders? Ein Marktplatz mit 25.000 Bürgern herum war ein Zentrum, in dem es hoch herging. Auch ohne Hof hatte manche Stadt mit einer Menschenzahl, an der heute kaum ein Schnellzug hält, durchaus grande tenue. Mindestens verstand sich die damalige Kleinstadt aufs Duodez, hatte Zünfte und Patrizier, Folterkammern und Kirchen, war ein Spiegel, in dem das ganze römische Reich lag. Nur Wien, Paris, London wirkten unerreichbar, Neid auf die Weltstädte fehlte nicht …, aber es setzte sich keine Provinz mit Abfall dagegen ab.“ (8) Die Feststellung, dass die „frühere Fuge aus Klein- und Mittelstädten unterernährt ist“ (9), unterstreicht die Notwendigkeit dezentraler Zentralitäten, die nicht bloßer und nur klein geratener Abklatsch der urbanen Metropolen sind.


Kindheit und Jugend in der Kleinstadt

Eine geradezu libidinöse Aufwertung der kleinstädtischen Lebenswelt erfolgte mit der Wiederentdeckung der Langsamkeit, mit der Erinnerungsarbeit an die in Kleinstädten verbrachte und inzwischen längst verdrängt-vergessene Kindheit und mit der – oft auch nostalgisch orientierten – Sehnsucht nach Wieder-Verortung und Heimat-Räumen: „Ich habe Sehnsucht nach Marktheidenfeld. ‚Mein’ Marktheidenfeld, das gibt’s nicht mehr. Und wann hat’s das gegeben? Es war das ‚Hädefeld’ der End-50er, mit unverletztem Kreisstadtstolz und 60er-Jahre-Überschaubarkeit, mit Wehrtürmchen, mit nahezu intakter Stadtmauer, die, zum letzen Mal, Familien, Kinder warm umfängt, historisch Nestschutz bietet, Aura schafft. … Gleichzeitig bruchlos ewig unerfüllter Spielzeugwunsch: die plattgedrückte Nase an den Schaufenstern von Wicking-Göricke und Märklin-Roth. Das ist Marktheidenfeld der Bubenseligkeit und nicht der Bücherseele.“ (10)

Wachgerufen ins Gedächtnis werden die Plätze, Orte und Gegenstände, in und mit denen Kindheit stattfand. Diesen muß mit archäologischer Methodik nachgespürt werden, denn die Modernisierung der 1960er und 1970er Jahre hat die Kleinstadt der Kindheit nachhaltig verändert und umgestaltet, so dass die Reise in die eigene Kindheit zur frustrierenden Spurensuche werden kann, falls sie in resignierender Spurenlosigkeit endet: „Am Besten geh ich auf der Reise in die Kindheit mit geschlossenen Augen durch die Stadt. So wüst haben die Abriß-Bomben hier gewütet, im Modernisierungs-Krieg der Mitt-60er. Gleich an der Brücke geht es los – wo ist er denn, der Biergarten des einstmals so schönen Gasthofs ‚Aussicht’, in dem ich neben meinem Vater mein erstes Bier probieren durfte? Geopfert einem 08/15-Anbau, Bettenbehältnis in Einfallslosbeton. … Wo sind die Steine meiner Kindheit? Wo sind die Häuser, die Fassaden mit ihren Schlagläden, den Schaufenstern, abends nicht neongrell illuminiert, sondern geschlossen? Die Trauer würgt. Die Tränen halte ich gerade noch zurück. Diese Stadt ist beispielslos und beispielhaft kaputt, kaputt ‚gemacht’. Und mit ihr meine Kindheit.“ (11)

Problematisch und gestört war das Verhältnis der infolge der 68er Revolte anpolitisierten Schülerbewegung zur Kleinstadt der eigenen Herkunft. Diese galt in den Augen der sich mit der städtischen Scene eins fühlenden Generation als generell verdächtig, da von ihr in der Kleinstadt ein Hort des Faschismus und der damals stattfindenden NPD-Revivals ausgemacht wurde und die kleinstädtische Lebensweise als generell rückständig und modernitätsverweigernd erfahren wurde. Die kleinstädtischen Honoratioren reagierten auf diese Angriffe gereizt mit ‚Wehret den Anfängen’-Parolen und trugen mit intoleranter Diffamierung und Ausgrenzung zur (lang andauernden) Vertreibung der eigenen Kinder in die Großstädte bei. (12)

Ein kaum weniger gespanntes Verhältnis herrschte zwischen Erwachsenen und Jugendlichen in den 1970er Jahren, als Forderungen nach Jugendhäusern und jugendeigenen Räumen in den meisten Kleinstädten aufkamen. Zum ersten Mal zeigte sich bei Provinzjugendlichen eine bewusste Bleibebereitschaft, die Konfliktaustragung nicht ausschloß und nicht zur einseitigen Anpassung an die Provinzverhältnisse führte, sondern diese vielmehr, wenn auch nur teilweise, veränderte. Im Nachhinein ist die Jugendzentrumsbewegung in den Kleinstädten als Speerspitze der beginnenden kulturellen Ausdifferenzierung und als Freisetzung aus dem traditionell geprägten Kleinstadtleben zu betrachten und die Forderung nach eigenen Räumen als von den Erwachsenen und den Stadtverwaltungen oft kraß missverstandener Be-Heimatungs-Versuch zu bewerten. (13) Die neuen sozialen Gruppen der kleinstädtischen Lebenswelt wachsen nun nicht mehr einfach in den traditionellen Bahnen, fühlen sich nicht mehr in der Heimat-Kultur wohl, sondern brauchen und verlangen Formen entgegenkommender Sozio-Kulturen, die Schutz bieten und aktive Beheimatung betreiben. (14)

Die Jugendzentrumsbewegung ist auch zum Ausgangspunkt für zahlreiche weitere sozio-kulturelle Veränderungen der 1980er Jahre in den Kleinstädten geworden, denn „aus den selbstverwalteten Jugendzentren der 70 Jahre haben sich heute auch andere jugendkulturelle Bezugsorte entwickelt. In dem Maße, in dem die damaligen ‚Jugendgenerationen’ aus dem Jugendalter herausgewachsen sind, haben sich Szenenfunktionen von den Jugendhäusern weg in bestimmte Szeneorte (Szenekneipen, Plattenläden, verbunden manchmal mit Musikwerkstätten und Studios) verlagert. Diese haben in der Regel einen großen regionalen Einzug. Neben dem Charakter der Szenetreffpunkte machen sie (gegenüber der ländlichen ‚Normalkultur’) alternative, politische und kulturelle Veranstaltungen, manchmal betreiben sie auch Konzert- und Veranstaltungsagenturen. Zeitweise geht dies bis zur Jobvermittlung im ‚Szenebereich’.“ (15)


Der Wandel der Kleinstädte

Neben dem Jugendbereich als sicherem Frühanzeiger des gesellschaftlichen Wandels und Modewechsels diente vor allem der Sport als weiterer vorzeitiger Indikator von Umbrüchen im kleinstädtischen Leben. Relativ früh haben einheimische Unternehmer oder lokale Kleinstadt-Größen Sportvereine zu regional und überregional ausstrahlenden Symbolen neuer kleinstädtischer Leistungskraft ausgebaut und demonstrieren mit erzielten Erfolgen neues Selbstbewusstsein, das mit ländlich-regionalem Lokalkolorit gewürzt wird. Fußball-, Handball- und Volleyballmann- und –frauschaften stiegen in höchste Ligen auf: So spielte z.B. der SV Seckach-Klinge (Neckar-Odenwald-Kreis) in der Frauenfußball-Bundesliga, eine Frauentruppe aus Creglingen (Main-Tauber-Kreis) jahrelang in der Volleyball-Bundesliga. Kleinstädtische Fußballmannschaften fanden ihren finanzaufwendigen Weg in die Amateur-Oberliga, der sogenannten Netto-Liga mit einer obligatorischen Versorgung der Spieler mit Arbeitsplätzen. Bekanntestes Beispiel des kleinstädtischen Sportaufstieges in allerhöchste Sphären ist der „Fechtclub Tauberbischofsheim“ (Main-Tauber-Kreis), der Olympia-SiegerInnen und WeltmeisterInnen am Fließband produzierte und sich vor ort als starke lokale Macht präsentiert. Dennoch haben diese Teams und Vereine längst den kleinstädtischen Radius verlassen: Spieler werden aus der Region und weit darüber hinaus rekrutiert, oft werden die Vereine mit professionellem Management geführt und finanzielle Kooperationen mit starken Wirtschaftspartnern eingegangen.

Deutlich sichtbar sind heute die Veränderungen der Kleinstädte weg von Orten der Ruhe und des Stillstandes, hin zur Bewegung und zum Verkehr: “Die Themen, mit denen der Stadtrat, die Parteien und die Planer sich herumschlagen, drehen sich um Bewegung und Verkehr: Die Hauptstraße soll eine Fußgängerzone werden. Das System der Umgehungsstraßen noch lückenloser. Der Marktplatz wird ausgehöhlt für ein unterirdisches Parkhaus. Parkuhren an der Hauptstraße. Parkverbot rund um die Kirche. Großparkplätze vor der Stadt. Die Kleinstadt will hoch hinaus und begräbt sich unter Teer.“ (16)

Typische Merkmale des verkehrs-infrastrukturellen Wachstums sind:
- Die Auto-Motorisierung in ländlichen Regionen ist wesentlicher höher als in urbanen Zentren. Z.B. kommen im Main-Tauber-Kreis auf 1.000 Einwohner ca. 740 Autos. Dazu trägt auch die weibliche Emanzipation zum eigenen Auto wesentlich bei.
- Der Pendelverkehr in und aus den Kleinstädten findet per Auto statt, belastet die Umwelt permanent, trägt zur totalen Verlärmung der Kleinstadt in Stoßzeiten bei und behindert den Fußgängerverkehr durch Bevorzugung des Autofahrens.
- Der Hauptverkehr in den Kleinstädten vollzieht sich auf wenigen Verkehrsachsen, die schnell überlastet sind.
- In den Kleinstädten herrscht die Tiefgaragisierung aller innerstädtischen Freiflächen und Gebäude. Gleichzeitig werden Großparkplätze auf den Grün- und Freiräumen vor dem Altstadtbereich ausgewiesen.
- Zentrale Omnibus-Höfe ersetzen den Bahnhof. Der Busverkehr befördert in aller Regel nur Schüler, Jugendliche ohne eigene Autos und alte Menschen. In der Ferienzeit kommt der ÖPNV fast zum Erliegen.
- Bunt gemixte und doch standardisierte Pflasterorgien überdecken die letzten übrig gebliebenen Freiräume im Stadtraum.
- Der Ausbau von Umgehungsstraßen und Zufahrtsstraßen und der Rückbau durch Kurveneinbau, Verengungen, Pflasterbänder, Bauminseln wechseln in modischer Periodizität.
- Umgehungsstraßen schneiden oftmals die nächste Verbindung zum Nachbardorf, den schnellen Fußweg ins Freie und die Naherholungsgebiete mit unüberwindbaren Böschungsbarrieren ab.

Ebenfalls auffällig erscheint die rasant vorwärts gehende städtebauliche Entwicklung der Kleinstädte, die, um es etwas übertreibend und doch treffend zu benennen, keinen Stein auf dem anderen sitzen läßt. Die Kernbereiche unterliegen einem beschleunigten Bauboom, der die Altstädte in gigantische Baugruben verwandelt und das Gesicht, die Ansicht der Kleinstädte, mit einschneidender Brachialgewalt verändert oder auch zerstört:
- Stadtteilgroße Flächensanierungen durch Totalabrisse lassen vor allem die Bausubstanz verschwinden, die auf die historisch kleinstädtischen Unterschichten wie Tagelöhner, Weinbergs-Häcker usw. verweist. Durch eine Stadtplanung, die dem Wohnungsbau in den Außengebieten den Vorzug gab, sind die Wohnbereiche systematisch in den letzten 20-30 Jahren in den Zustand des rest- und trostlosen Verfalls gebracht worden. Dagegen wird die historisch für „wertvoll“ erachtete Bausubstanz neu in-Wert-gesetzt.
- Die post-moderne Architektur der Glasvorhausarchitektur zieht, wenn auch sparsam und in ihren Formen angenehm zurückhaltend in die Kernstädte (hier meist Geschäftshäuser) und in die Wohngebiete ein. (17) Die Wohnhäuser der End-1980er Jahre zeichnen sich mit neuer Prächtigkeit im Erker- und Anbautenreichtum aus.
- Die guten Wohnlagen erleben eine generelle Mittelstandisierung mit hohen Standards im Hausinneren, die allerdings auch einen hohen Verschuldungsgrad der Bauherren nach sich zieht. Neben der Vertreibung einkommensschwacher Bevölkerungsschichten aus den Sanierungsgebieten setzt auch eine „Abwirtschaftung“ der Stadtteile ein, in denen nur geringe Mietgewinne erzielt werden.
- Vertreter des einheimischen Unternehmertums sowie Ärzte, Apotheker etc. haben systematisch Häuser und Grundstücke in den Kernbereichen aufgekauft und ziehen dort - ebenso wie Kapitalanleger von außen - (Spekulations- und Abschreibungs-)Objekte wie Einkaufszentren, Büroetagen, Wohnapartments hoch. Einkaufzentren und Ladengeschäfte kombiniert mit Wohnungen sprießen wie die Pilze aus dem Boden und prägen mit ihrer Kleinteiligkeit simulierenden Architektur ein neues prosperierendes Bild der Kleinstädte.
- Der neue regionale und kleinstädtische Konsumbedarf und –rausch macht auch Großinvestitionen von Großkettenläden rentabel, die Filialen mit glitterhafter Ausstattung werden eröffnen. Wie diese zielen auch neu eingerichtete Geschäftshäuser, Boutiquen, Drogeriemärkte und Modeläden auf die Konsumwünsche und Stylisierungsattitüden des Mittelstandes und der neuen Angestelltenkultur.
- Der bis dahin unterentwickelte Bereich der Lokalitäten, Speiserestaurants, Bistros und Kneipen mit Edelmöblierung und Szene-Charakter weitet sich stark aus. Nach den Jahren des Rückgangs der auf die alte Kleinstadt-Stammtischwelt abgestimmten Gastwirtschaftsstruktur, schlägt sich nun die Mittelstandisierung auch gastronomisch nieder. Die Biergartenkultur hat ein glänzendes Comeback gefunden.

Die Kleinstädte als eigentliche Gewinner der funktions-räumlichen Vergesellschaftung des ländlichen Raumes durch Punktualisierung zentraler Standorte und Verachsung wirtschaftlicher Strukturen und Zusammenhänge verdanken ihren grundlegenden Wandel einem bisher stetig gesteigerten ökonomischen Boom, der die alten Bilder über den ländlichen Raum als defizitärer und struktur-schwacher Raum entwertet, und diesem ein positiv gestiegenes Selbstbewusstsein und ein „optimistisches Regionalklima“ (18) entgegenstellt:
- Die zentralen Kleinstädte weisen einen hohen Arbeitsplatzbestand auf: z.B. kommen in Tauberbischofsheim auf ca. 9.000 Einwohner in der Kernstadt 7.000 Arbeitsplätze.
- Der ökonomische Boom hat seine Grundlage nicht in der Ansiedlung von industriellen Zweigbetrieben, sondern vielmehr im Ausbau bestehender Betriebe, die zunehmend hoch qualifizierte Arbeitsplätze anbieten. Ehemals mittelständische Betriebe stocken ihren Kapitalbedarf auf und expandieren. Leistungsstarke Betriebe im High-Tech-Bereich und Maschinenbau setzen auf den Export. Es entstehen dichte Netze von Klein- und Mittelbetrieben (Handwerk, Zulieferung, Computer, Marketing, Werbung, Dienstleistung, Beratung, Ingenieurbüros, Abwasser- und Solartechniken usw.).
- Die Arbeitspalette differenziert sich stark aus. Eine neue wissenschaftlich-technische Intelligenz bildet sich heraus. Der Bedarf an spezialisierten Facharbeitern nimmt zu. Betriebe halten sich quasi einen regional verankerten Hofstaat von Mitarbeitergenerationen, die den Ruf eines Betriebes in jedes Dorf tragen. Die Angestellenkultur weitet sich aus und prägt einen neuen Schicki-micki-Style.
- Migranten eröffnen kleine Handwerksbetriebe, Änderungsschneidereien, Lebensmittelläden und Juweliergeschäfte und beleben die Marktplätze mit Obstständen. Naturkostläden und 3. Welt-Läden bedienen die grün-alternative und gesundheitsbewußte mittelständische Klientel.
- Der Ausbau der sozialen und technischen Infrastruktur hat zu qualifizierten Mitarbeitstäben geführt und bietet akademisch Ausgebildeten die Chance, im Herkunftsort bzw. in der regionalen Nähe einen entsprechenden und gut bezahlten Arbeitsplatz zu finden. Das professionalisierte Beratungsangebot (Jugendarbeit, Drogen, Therapie, psycho-soziale Hilfe etc.) wird ständig erweitert. Der Ausbau von Facharztpraxen macht den oft beschwerlichen Weg in die Mittel- und Großstädte überflüssig.
- Immer mehr Handwerks- und mittelständische Betriebe erzeugen mit flexibler Spezialisierung, computergestützter Technologie hochwertige Produkte, die verstärkt den regionalen Markt bedienen (z.B. Holzverarbeitung, Produktion von Rahmen, Holzfenster etc.).
- Eine steigende Zahl von Betrieben in der Region schließen sich zu Verbünden zusammen, z.B. in der Lehrlingsausbildung, im Dienstleistungsbereich. Auf regionalen Messen demonstrieren die Betriebe der Region selbstbewußt ihren neuen Standard.
- In den letzten Jahren besonders aufgewertet wurde die Konzeption eines „Regional-Images“, mit dem Unternehmensverbünde auf die Herkunft, auf den Standort hinweisen. Ein positives Regionalklima hat das Loser-Image des sogenannten „strukturschwachen Hinterlandes“ überwunden. Regionale Logos und Landschaftsabbildungen gehören immer häufiger einer lokal- und regional-bewußten Corporate Identity.

Die erfolgte (B)Innenmodernisierung der Kleinstädte äußert sich besonders in den neuen Bedürfnissen und Bedarfen nach Kultur. Der kulturelle Wandel der kleinstädtischen Lebenswelt bietet große Chancen zur Nach-Modernisierung, die den ländlichen Raum an das Up-To-Date-Sein der Städte anbindet, die bisher provinztypische Differenz des Ungleichzeitigen minimiert, und eine kritische Modernisierung eines selbstbewussten Konsums eröffnet. Der neue Kultur-Boom sprengt den engen Rahmen der Heimat- und Traditionskultur, beendet die Zweitklassigkeit kultureller Niveaus und der bisherigen Darbietungen und schafft Raum für die sozio-kulturelle Erweiterung des kleinstädtischen Lebens:
- Es bilden sich neue Formen bürgerlicher Öffentlichkeit und Liberalität heraus. Neue Kultur- und Kunstvereine, Kunst-Salons, Galerien, private Museen, entstehen. Lokale Industrieelle betreiben Mäzenatentum und Sponsoring, Firmen veranstalten Vernissagen und Ausstellungen. Neben diesen bieten auch Stadtverwaltungen eigene Konzertreihen und –abende, Kunstausstellungen mit Bildern wie z.B. von van Gogh an. Die kleinstädtischen Elite und Wirtschaftsführer befriedigen somit ihren Bedarf an Hochkultur auch zunehmend  vor Ort.
- Sozio-kulturell einzuordnende Kulturvereine erstellen Programme mit Diskussionen und Vorträgen, Kabarett und Theater, Kleinkünstlern und Liedermachern, Musikveranstaltungen (19).
- Private Galerien, Töpfereien, Bildhauer, Kunsthandwerker, Keramiker entsprechen den neuen Wünschen nach Kunst und Skulpturen.
- Die früher hoch liegende Schwelle zur Bildung von Bürger-Initiativen, die sich für die Verbesserung des lebensweltlichen Nahbereichs einsetzen, ist gesunken: Für 30-km-Zonen, Verkehrsberuhigung und Fußwegeausbau, gegen Verkehrslärm und Betriebe mit hohen Emissionen, für den Erhalt von Kindergärten engagieren sich immer mehr Bürger. Zum Teil organisieren sich die BI’s regionsweit, wie z.B. die Initiative „Brunnensanierung statt Bodenseewasser“ im Main-Tauber-Kreis.
- Migrations-Mitkleinstädter gründen ihre eigenen ethnisch definierten Kultur- und Sportvereine. Ihre Religionsgemeinschaften richten sich eigene Gebetshäuser ein.
- Die Frauen in den Kleinstädten werden zunehmend selbst-bewußt,  organisieren ihre eigenen Vereine und Veranstaltungen und thematisieren ihre Situation in der meist patriarchalisch männer- und jungen-dominierten Provinzwelt immer entschiedener (20).
- Neue Schüleröffentlichkeiten (Cafes, Bistros, JZ’s) und Jugendscene bilden sich heraus. Auch die im Privaten stattfindende Cliquenkultur erfährt in der postmodernen Ausdifferenzierung jugendkultureller Stilblüten eine Renaissance.
- Die Angestelltenkultur, die Mittelstandskultur, die Kultur der nicht-mehr-ganz-jugendlichen 25-40 Jährigen prägt das Kulturbild, die kulturellen Projekte in den Kleinstädten, entscheidender mit.


Bemerkungen zu einer Theorie der Neuen Klein-Städte

Der vorliegende Beitrag verbleibt bewusst und vornehmlich auf einer mehr deskriptiven Ebene der Aufzählung von Phänomenen, um überhaupt erst einmal auf die Qualität der vielen Veränderungen der kleinstädtischen Lebenswelten aufmerksam zu machen und sie ins Bewusstsein zu rücken. Insofern soll an dieser Stelle hier nur vorbemerkend auf Fragen der Änderung der staatlichen Infrastrukturpolitik, der Zentralen-Orte-Theorie, auf neue Möglichkeiten und Potenziale der Kleinstädte im Ansatz einer eigenständigeren Regionalentwicklung, auf das Verhältnis Kleinstadt-Region, die ökonomische und kulturelle Rolle der Kleinstädte, eingegangen werden:

Die staatliche Strukturpolitik und Regionalplanung leitet ihre Entwicklungsauffassung des ländlichen Raumes aus folgenden Annahmen und Konstrukten ab:
- Die Konzentration der Entwicklungspotentiale im ländlichen Raum auf Orte mit hoher Zentralität.
- Die Förderung derjenigen wirtschaftlichen Branchen im ländlichen Raum, die Exportorientierung aufweisen.
- Die Ermöglichung von Chancengleichheit und Effektivität mit der Standardisierung von Angeboten und Strukturen.
Erfolg und Misserfolg der staatlichen Konzentrationspolitik auf Orte mit hoher Zentralität und Ausstattung hängen eng mit der bisher nur gering unterschiedenen Verquickung der Zentralen-Orte-Theorie Christallers (21) mit dem Zentralen-Orte-Konzept (22) zusammen. Schließlich sollte mit der Zentrale-Orte-Theorie nur die wissenschaftliche Erklärung der Regel- und Gesetzesmäßigkeiten der Entstehung „Zentraler Orte“ geleistet werden. Erst die sozial-technologische, raumplanerische und administrativ-technokratische Umsetzung in das Zentrale-Orte-Konzept, ergab den heute so stark kritisierten „Übergang vom ‚Sein’ zum ‚Sollen’“ (23), indem die Wirklichkeit an die theoretisch verstanden geglaubte Realität angeglichen wurde, z.B. indem seit der Gebietsreform deskriptiv-wissenschaftlich gezogene Grenzen (z.B. die Reichweite und Erreichbarkeit von Infrastruktureinrichtungen wie Verwaltung und Schulen) die verwaltungstechnische Gebietseinheiten markieren, die über Zusammengehörigkeit und Unterordnung, Distanz und Nähe, Zeitersparnis und –aufwand, Weg und Wirkungsgrad, entscheiden.
Richtigerweise hat Hermann Bausinger dennoch darauf hingewiesen, dass die Idee der Zentralen-Orte nicht nur auf geplanten Konstrukten fußt, sondern dass es sich bei der Beziehung Kleinstadt – Region auch um „gewachsene Gemeinwesen handelt“ (24) und die Bevorteilung der Kleinstädte gegenüber den Dörfern „möglicherweise an der falschen Anwendung dieses ‚Steuerungsmittel’“ (25) liegt. Dies verdeutlicht die Notwendigkeit, die Zentrale-Orte-Theorie zu verifizieren und verstärkt das „Recht auf Differenz“ von Dörfern, Kleinstädten und Regionen zu betonen. Dies muß mit der Lösung von den problematisch gewordenen Naivitäten der raumplanerischen Moderne einhergehen und zu einer Aufklärung der Raum-Modernisierung über sich selbst führen. Dann könnten im Rahmen der Neubewertung des Subsidiären und regionaler (Selbsthilfe-)Potenziale die Verhältnisse Kleinstadt-Dorf, Dorf-Dorf, Kleinstadt-Kleinstadt und die Möglichkeiten der Kleinstädte und der regionalen Dörfer (26) neu und anders definiert werden.


Zu dieser Neudefinition eine teilweise Aufkündigung der Exportbasistheorie (27) und ihre regional-planerische Vermengung mit dem hierarchischen Zentrale-Orte-Konzept beitragen. Bei der Belebung inner-regionaler Produktions- und Konsumtionszusammenhänge ist vielmehr als bisher die neue Rolle der wirtschaftlich aufgeblühten Kleinstädte einzubeziehen:
- Die große, regional ungenutzte Kaufkraft des neu entstandenen technisch-wissenschaftlichen Mittelstandes und der ausgeweiteten Angestellten-Mittelschichten ist das nötige und reale Pedant zu den regionalen Wertschöpfungs-Theorien.
- Es gibt eine zunehmende Nachfrage aufgeklärter Provinzler und kaufpotenter Öko-Kunden, die ihren Bedarf mit regionalen Produkten decken wollen und können.
- Die neuen Kulturstile, Kompensationswünsche und Selbst-Inszenierungswünsche des kleinstädtischen Mittelstandes eröffnen handwerklichen Einzel- und Sonderanfertigungen neue Marktchancen.
- Der Bau-Boom, der steigende Umbau- und Ausbaubedarf in den Kleinstädten, der Wunsch nach dem Eigenheim im Grünen korrespondiert immer öfter mit Investitionen in regenerierbare Energien und regionale Baustoffe.

Diese verstärkte Einbeziehung der Kleinstädte in die Regionalisierung von Wirtschaft und Kultur ist durchaus als eine Reaktion auf die reale Situation der Regionen zu verstehen. In den letzten Jahren hat sich der Stadt-Land-Widerspruch in die Regionen verlagert, wurde quasi zu einem „regionalisierten“ Stadt-Land-Widerspruch: „Diese Räume sind aber ‚in sich regional’ strukturiert und gegliedert. Die ökonomischen, planerischen und politischen Voraussetzungen für diese ‚Regionalisierung’ wurden über die moderne ‚funktionsräumliche’ Regionalpolitik geschaffen. … Aufgrund einer hohen und auf dem Lande inzwischen selbstverständlichen regionalen Mobilität, einem enorm gewachsenen und angebotsdifferenzierten ländlichen Konsummarkt und der gestiegenen Attraktivität ‚naturnaher’ Wohnplätze, scheint dieses funktionsräumliche Entwicklungskonzept hohe soziale Akzeptanz zu haben.“ (28) Das sind Fakten, die jede rein rückwärtsgewandte „Zurück-ins-Dorf“-Forderung konterkarieren. Die neue Selbstverständlichkeit, mit der der alltägliche Auszug aus dem Dorf in die Kleinstadt aktzeptiert wird, weist zum einem auf Mängel des alten Dorfes hin, zum anderen markiert sie einen „Pluralismus neuer Erreichbarkeiten“ (29) in der Region:

- Es existiert eine hohe irreversible Mobilität: Die Auto-Mobilität und die sozio-kulturelle Mobilität mit neuem kulturellen Radius korrespondieren miteinander.
- Der lebensweltliche Nahbereich (Dorf-Kleinstadt) ist positiv besetzt und aufgewertet.
- Die Pendlerexistenz, der Zeitaufwand der Wege in die Kleinstadt, zum Arbeitsplatz, zur Schule, die Externalisierung der Kosten zu Lasten der Dorfbewohner werden kaum thematisiert.
- Die Kleinstädte besitzen ein zur Kompensation geeignetes und hoch akzeptiertes Konsumniveau und ein differenziertes Angebot im Kulturbereich.


Die „Neuen Klein-Städte“ sind auf dem Wege, die alten Bilder über das kleinstädtische Leben, die trotz mancher Überzeichnung auch eine Teil-Realität widerspiegelten, hinter sich zu lassen. Kleinstädte sind also weder der Topos der Idylle, der sich in seiner kleinstädtischen Form am „deutschesten“ zeigen soll, noch lässt sich das kulturelle Leben und die Lebenswelt im „Jargon der Eigentlichkeit“ (Th. W. Adorno) und in den alt-fränkischen Begrifflichkeiten der „Spießer-Ideologie“ (H. Glaser) persiflieren. Wie weit ökonomischer Boom und die neue Kulturidentität das kleinstädtische Leben positiv verändert haben, wird z.B. im heranziehenden Ernstfall der Kultur-Demokratie, der Frage der Fremdenfeindlichkeit erst beweisen werden.

Die Entwicklungsrichtung, die die „Neuen Klein-Städte“ eingeschlagen haben, bergen allerdings auch Gefahren, das „Gute“ an der Provinz abzuschaffen, das „Besondere“ zu verlieren. Denn die zunehmende Vertaktung mit dem Pulsschlag der Gesamtgesellschaft minimiert die bisher existierende Ungleichzeitigkeit, die räumliche Verlangsamung von Zeit. Es stellt sich die Frage, ob es für die Kleinstädte Möglichkeiten der selbstbestimmten Beschleunigung einer „Eigenständigen Entwicklung“ gibt, die nicht allein durch Aufholen und Nachholen, durch Konsumorientierung und standardisierte Modernisierung bestimmt wird. Dazu bedarf es Formen der „Provinz-Moderne“, die den Wunsch nach Teilhabe an der (Post-)Moderne positiv erfüllen und mittragen, gleichzeitig aber auch eine regional aufklärerische Kritik an der Moderne, dem Modernismus, der Modernisierung, leisten. Die kulturellen Veränderungen in den „Neuen Klein-Städten“ mit ihrer neuen Abmischung der kleinstädtischen Kultur, die genug Anteile ländlicher und städtischer Kultur besitzt und als Synthese ländlich-städtischer Kultur weder zu städtisch noch zu ländlich ist, sondern beide Komponenten in einer originären Form von „Regio-Kultur“ (30) zusammenbringen kann, bieten genug endogene Potential, auf dem Weg der reflexiv gewordenen Kleinstädte in Richtung „Regio-City“, die Formen der Provinz-Moderne mit zu gestalten.


Anmerkungen
1 Karl Heinz Bohrer nutzte in seiner Zeitschrift Merkur in mehreren Artikeln den negativ besetzen Provinzialismus-Vorwurf zur Schelte aller Hauptstadtgegner Berlins. Bohrers Vorwurf, die Provinzialität sei ihrer selbst nicht mehr bewusst, wisse nichts mehr vom Unterschied zum ewig Metropolitanen, mündet in das Bedauern, dass „jenes für die Provinz notwendige Fernweh, irgendwo sei es irgendwie feiner, reicher, moderner, wichtiger, langsam abhanden kam“. Dagegen hielt der Urbanist Jürgen Habermas, die BRD sei ein universell-provinzielles Land, das nicht die Kapitale bräuchte.
2 Martin Heidegger: Schöpferische Landschaft: Warum bleiben wir in der Provinz? In: Ders.: Denkerfahrungen. Frankfurt/Main 1983. Seite 9-13. Zuerst erschienen in: „Alemanne – Kampfblatt der Nationalsozialisten Oberbadens“ 1934.
3 Ebenda. Seite 10
4 Theodor W. Adorno: Philosophische Terminologie Bd. 1. Frankfurt/Main 1973, Seite 158f. und 164f.
5 Theodor W. Adorno: Amorbach. In: Ders.: Ohne Leitbild. Parva Aesthetica. Frankfurt/Main 1987 (1967), Seite 23
6 Ebenda. Seite 22
7 Ernst Bloch: Öde und Kleinstadt. In: Ders.: Verfremdungen II. Frankfurt/Main 1965, S. 11-12
8 Ebenda. Seite 12
9 Ebenda
10 Peter Roos: Super-Marktheidenfeld. Paradies und Pubertät perdu. In: Rosemarie Noack (Hrsg.): Reise in Kinderschuhen. Wiedersehen mit dem Ferienland von damals. München 1990, S. 101f.
11 Ebenda. Seite 104
12 Vgl. Albert Herrenknecht/Jürgen Wohlfarth: Vom Kampf gegen die Provinz zum Kampf mit der Provinz. 20 Jahre politische Emanzipationsbewegungen in der Provinz. In: Forschungsjournal: Neue soziale Bewegungen 4/91
13 Albert Herrenknecht: Die Bedeutung des Jugendzentrums für die provinzielle Kleinstadt Ellwangen und die positiven Impulse, die von ihm in der Vergangenheit ausgingen und in der Zukunft ausgehen können. – Festvortrag anlässlich des 15jährigen Bestehens des Trägervereins „Jugendzentrum Ellwangen“ am 8.12.1990, (unveröffentlichtes Manuskript).
14 Vgl. Albert Herrenknecht/Jürgen Wohlfarth: Auf dem Weg in die Provinz-Moderne. Sozio-kulturelle Wandlungen innerhalb ländlicher Regionen. In: PRO REGIO 9/1991, Seite 11ff.
15 Lothar Böhnisch/Reinhard Winter: Pädagogische Landnahme. Einführung in die Jugendarbeit des ländlichen Raums. Weinheim und München 1990, Seite 130f.
16 Ursula März: Die Bovary aus Mittelfranken. Wie sich Kleinstädte und Kleinstädter wandeln. In: Frankfurter Rundschau vom 20. Juli 1991
17 Wolfgang Bachmann: Die Provinz leuchtet. In: Zeitmagazin Nr. 46 vom 11.11.1988
18 Lothar Böhnisch/Reinhard Winter: a.a.O, Seite 14
19 Vgl. Studie Wandlungen innerhalb der ländlichen Sozio-Kultur-Landschaft. Neue Kulturbewegungen und kulturelle Bedarfsansprüche in ländlichen Regionen. Herausgeber: Eigenständige Regionalentwicklung Baden-Württemberg e.V. Bad Waldsee 1991
20 Vgl. Lothar Böhnisch/Reinhard Winter: a.a.O., Seite 107ff.
21 Walter Christaller: Die zentralen Orte in Süddeutschland. Darmstadt 1968 (Jena 1933)
22 Vgl. Gerhard Stiens: Zur Notwendigkeit der Abkehr vom herkömmlichen Zentrale-Orte-Konzept in der Raum- und Infrastrukturplanung. In: Gerhard Henke (Hrsg.): Schadet die Wissenschaft dem Dorf? Paderborn 1990, S. 90
23 Ebenda. Seite 89
24 Hermann Bausinger: Dorfkultur und Dorfkulturen. In: PRO REGIO 8/1991. Seite 13
25 Ebenda. Seite 15
26 Albert Herrenknecht: Dorf in der Region – oder: Steht die Dorfdiskussion vor einem Paradigmenwechsel? In: PRO REGIO 5+6/1990 und Albert Herrenknecht: Für eine neue Kultur der Dörfer. In: Allemende 26/27 (1990), Seite 39-53
27 Ulf Hahne: Zur spezifischen Produktivität regional eingebundener Unternehmen. In: PRO REGIO 9/1991, Seite 19ff.
28 Lothar Böhnisch/Reinhard Winter: a.a.O. Seite 12
29 Ebenda. Seite 13
30 Der Begriff „Regio-Kultur“ wurde vom TRAUM-A-LAND e.V., Tauberbischofsheim (Main-Tauber-Kreis) im Rahmen seines Projektes „Bauernkriegs-Landschaft Tauber-Franken“ geprägt, um den region-räumlichen Bezug sozio-kultureller Arbeit, die regionale Einbettung in die Kulturlandschaft zu betonen. Anders als andere Geschichtsunternehmungen gehört dieses Projekt nicht zur Heimatkultur, die sich traditionell und damit auch ausschließend versteht, sondern definiert sich in regionaler Weltoffenheit, als multikulturelle, provinz-moderne Be-Heimatungsstrategie, die die Verräumlichung, die Entstehung von Eigenständiger Kultur als aktiven Prozeß begreift.


Den kleinstädtischen Wandel ab 2000 beschreibt 


Aktuelle Kleinstadtbilder
- Eine Bestandsaufnahme von Kleinstadttypen im ländlichen Raum ab 2000

Diesem überblicksartigen Versuch einer Bestandsaufnahme aktueller Bilder von Kleinstädten im ländlichen Raum seit der Zweitausendjahreswende bis ins heutige Jahr 2004 liegen eigene Beobachtungen von Kleinstädten bzw. von in den Jahren nach 1945 statistisch gesehen in die Rubrik Mittelstadt aufgestiegenen Kleinstädten zugrunde. Insbesondere wurden Kleinstädte (Mittelstädte sowie Gemeinden unterhalb von 5.000 Einwohnern: Wertheim, Tauberbischofsheim, Lauda-Königshofen, Bad Mergentheim, Boxberg, Külsheim, Grünsfeld, Großrinderfeld u.a.) des Main-Tauber-Kreises betrachtet, um den Charakter von Wandlungen der Kleinstadtbilder in einer ländlich geprägten Region genauer fassen zu können. Der Main-Tauber-Kreis ist der nördlichste Landkreis Baden-Württembergs und hat die geringste Einwohnerdichte aller Landkreise Baden-Württembergs. Diese Bestandsaufnahme von Kleinstadtbildern ist allerdings nicht aus einer gezielten Untersuchung entstanden, sondern entspringt der Reflektion von einzelnen Alltagsbeobachtungen sowie der Lektüre der Lokalzeitungen. Diese Bestandsaufnahme ist also mehr ein "Hot-Fix", also mit der "heißen Nadel" gestrickt, als eine systematisch angelegte Untersuchung. Darum auch die Betonung auf "Bilder", um den ausschnittsartigen, oft subjektiven Charakter der Betrachtungen hervorzuheben.

Schwerpunkt der Beobachtungen lagen auf  Tauberbischofsheim (2003 mit 13.291 Einwohnern, Kreisstadt Main-Tauber-Kreis, Mittelzentrum), Bad Mergentheim (2003 mit 22.130 Einwohnern, Große Kreisstadt, Mittelzentrum), Wertheim (2003 mit 24.376 Einwohnern, Große Kreisstadt, Mittelzentrum), Lauda-Königshofen (2003 mit 15.299 Einwohnern, Unterzentrum), Boxberg (2002 mit 7.323 Einwohnern), Külsheim (2002 mit 5.907 Einwohnern), Grünsfeld (2002 mit 3.862 Einwohnern), Großrinderfeld (2002 mit 4.147 Einwohnern). Wertheim und Bad Mergentheim haben sich in den letzten Jahrzehnten in die statistische Größe einer Mittelstadt hineinbewegt (Kommunalreform mit entsprechenden Eingemeindungen dörflicher Gemeinden). In der Statistik gelten Einwohnergrößen von 5.000 bis 19.999 zur Kategorie Kleinstadt, was eine rein quantitative Zuschreibung bedeutet und Aspekte einer historischen Kleinstadtwerdung (eindeutiges Zentrum), Ursachen für Bevölkerungszuwächse (Dörfer werden im Rahmen der Suburbanisierung zu reinen Wohnorten und überschreiten die 5.000 Einwohnergrenze; Dörfer wurden in der Kommunalreform zu einem Gemeindeverband zusammengeschlossen), funktionelle Ausdifferenzierungen außer acht läßt.

Einige dieser Klein- und Mittelstädte waren auch Grundlage des 1991 erschienenen Artikels "Die Neuen Klein-Städte - Der aktuelle Wandel vom Provinz-Ort zur Regio-City", im optimistischen Duktus der damaligen Zeit geschrieben (und als Zeitdokument der Kleinstadtentwicklung weiter oben dokumentiert). Ebenfalls 1991 waren Kleinstädte des Main-Tauber-Kreises Part der Studie "Wandlungen innerhalb der ländlichen Sozio-Kultur-Landschaft. Qualitative Untersuchung am Beispiel des ländlichen Main-Tauber-Kreises und 'Diskussion' der Ergebnisse auf dem Hintergrund der Baden-Württembergischen Diskussion zur Kulturarbeit auf dem Lande", in der die sozio-kulturellen Erweiterungen des kleinstädtischen Kulturlebens nachgewiesen wurden.
Den Wandel Wertheims, von der Kleinstadt zur Mittelstadt dokumentiert die "Wertheim-Studie" von Thomas Ellwein und Ralf Zoll. Eine weitere wichtige Untersuchung Wertheims im Vergleich zu der Kleinstadt Miltenberg liegt mit dem stadtgeographischen Vergleich von Hermann Weizmann "Wertheim und Miltenberg. Die parallelen und divergierenden Entwicklungsphasen zweier Kleinstädte vor, die die Entwicklung Wertheims bis 1969 umfaßt. Die jugend(haus)kulturelle Komponente Wertheims in den 70er Jahren findet sich in den "Aufsätzen über ein politisches Neuland", im Buch "Provinzleben" von Albert Herrenknecht.


Von der ländlichen Kleinstadt zur Regio-City und zu neuen Kleinstadtformen

Die ländlichen Kleinstädte lassen sich in ihrer seit 1945 erfolgten Entwicklung und funktionellen Ausdifferenzierung mit der statistischen Kleinstadtgröße von 5.000 bis 19.999 Einwohner nur noch sehr unscharf fassen. Auch das Bild einer ländlichen Kleinstadt als kleinstädtische Siedlungsform mit einem historisch gewachsenen Zentrumskern ist nach den Kommunalreformen nicht mehr zutreffend. Ältere Funktionsbeschreibungen von Kleinstädten scheinen immer mehr von der neuen Wirklichkeit der transformierten Kleinstädte überholt zu sein. Selbst die Einwohnerzahlen sind nicht mehr „der einfachste und allgemeinste Index für die Entwicklung einer Stadt (Erwin Grötzbach, Geographische Untersuchungen über die Kleinstadt der Gegenwart in Süddeutschland, S. 31), da mit der Kommunalreform in den 1970er Jahren bisher rein dörfliche Gemeinden nach einem Zusammenschluß in einem Gemeindeverband die statistische Größe von Kleinstädten erreichen können, ohne aber eine Kleinstadt typische Ausdifferenzierung erreicht zu haben. Mit Eingemeindungen haben viele ländliche Kleinstädte statistisch den Sprung zur Mittelstadt gemacht, ohne aber eine für eine Mittelstadt früher typische Citybildung im historischen Stadtkern. Die heute in den ländlichen Kleinstädten dispers auftretenden großflächigen Geschäfts-Center fügen sich nicht mehr in das Bild eines sich im Stadtzentrum entwickelnden Geschäftsgebietes, wie es Grötzbach in seiner Untersuchung über die Kleinstadt der Gegenwart in Süddeutschland Anfang der 1960er Jahre analysieren konnte. Zudem besteht nach der Kommunalreform der 1970er Jahre kaum noch eine ländliche Kleinstadt ohne eingemeindete Stadtteile, teilweise wurden auch zwei fast gleichgewichtig große Gemeinden zu einer zusammengeschlossen (Beispiel Lauda-Königshofen), die damit von vornherein auf zwei Kerne ausgerichtet sind.


Merkmale einer ländlichen Kleinstadt der Bundesrepublik Deutschland um 1960 waren:

- Die Ladengeschäfte des Einzelhandels befinden sich im Stadtkern, vornehmlich inhabergeführt; der Geschäftsinhaber wohnte in aller Regel in den Obergeschossen seines Ladens, d.h. der Geschäftsladen nimmt nur das Erdgeschoß ein;
- Die Fußläufigkeit; alles ist noch schnell per Fuß zu erreichen; Erweiterungen des Geschäftsgebietes erfolgten in direkter Nähe des historischen Stadtkernes;
- Die Läden zur Deckung des nichttäglichen Bedarfes (Textilien, Elektro usw.) sind im Stadtkern;
- Die Einrichtungen der öffentlichen Verwaltungen haben zwar oft den Stadtkern verlassen, verdichten sich aber in einem bestimmten Bereich in direkter Benachbarung zum historischen Stadtkern;
- Gewerbe- und Industriegebiete haben eigene erschlossene Bereiche außerhalb des Stadtkernes;
- Die sozialräumliche Gliederung der Kleinstädte erscheint als eine nicht offen erkennbare (Arbeiter- und Angestelltenviertel, Mittelstand, leitende Berufe, Beamte usw).
Grötzbach unterschied Mittelstädte von den ländlichen Kleinstädten nach folgenden Merkmalen:
Der Nutzungsgrad in den Geschäftsgebieten: Läden zur Deckung des täglichen Bedarfes finden sich im Geschäftskern einer Kleinstadt häufiger als in einer Mittelstadt;
Geschäftsstraßen mit einer geschlossenen Ladenschicht im Erdgeschloß sowie die Umwandlung von Obergeschossen, die vorher bewohnt wurden, zu Geschäftsräumen als City-Geschäftshäuser und damit Ansätze zur Citybildung als Merkmale der Mittelstadtwerdung;

In einer Mittelstadt entstehen Subzentren von Ladengruppierungen, die nicht nur der Deckung des täglichen Bedarfs dienen;
Die Einrichtung eines öffentlichen Stadtverkehrs mit Bussen;
Die Verselbständigung von Stadtteilen, d.h. die Orientierung ist nicht mehr nur auf das Stadtzentrum gegeben.
In einigen der von ihm beobachteten Kleinstädten konnte Grötzbach schon Ansätze von mittelstädtischen Zügen beobachten. Er führte den Begriff der „werdenden Mittelstädte“ ein und nannte als Grenzbereich zwischen den Klein- und Mittelstädten die Einwohnerzahl von 15.000 bis 20.000 Einwohnern: „Der in der amtlichen Statistik verwendete Schwellenwert von 20.000 Einwohnern vermag also die wirklichen Verhältnisse recht gut wiederzugeben, soweit sich dies von einer festen Zahl überhaupt sagen läßt. Er weist allerdings den größten Teil der ‚werdenden Mittelstädte’ den Kleinstädten zu. Wollte man sie aber den Mittelstädten zurechnen, so müsste der Schwellenwert bei etwa 15.000 Einwohnern angesetzt werden. Angesichts des komplexen Charakters der Mittelstadt im Vergleich zum weniger komplizierten Gefüge der Kleinstadt spricht vieles dafür, den Schwellenwert zwischen beiden Stadtgrößenklassen auf 15.000 Einwohner festzusetzen. Dies um so mehr als ja bereits Städte mit weniger als 15.000 Einwohner … gewisse mittelstädtische Züge tragen“ (Erwin Grötzbach, S. 102). Die ländliche Kleinstadt der 1960er Jahre wurde wie folgt definiert: „Eine Kleinstadt ist eine nach der Vielfalt und Stärke ihrer zentralörtlichen Funktionen und nach ihrer inneren Differenzierung voll entwickelte Stadt mit annähernd 3.000 bis 15.000 Einwohnern. Ihre einzelnen Stadtteile zeigen noch keine deutliche Verselbständigung, sondern sind sämtlich auf das einzige, kräftig ausgebildete Geschäftszentrum und auf die meist nur einmal vorhandenen lokalen öffentlichen Dienste ausgerichtet.“ (Erwin Grötzbach, S. 106) Betrachtet man die heutigen ländlichen Kleinstädte nach diesen Kriterien, so lassen sich immer mehr ländliche Kleinstadte – regionalplanerisch als Mittel- und Unterzentren ausgezeichnet - als „werdende Mittelstädte“ begreifen. Desweiteren wachsen immer mehr frühere Landstädte (Ackerbürgerkleinstädte) zu voll entwickelten Kleinstädten heran (Bevölkerungszahl, Nahversorgungsfunktion für die Umgebung).
Um die Wachstumsstruktur der heutigen ländlichen Kleinstädte fassen zu können, wurde eine von Karoline Brombach und Johann Jessen vorgestellte Typologie von Kleinstädten, die ursprünglich auf das Kleinstadtwachstum in der agglomerierten Region Stuttgart bezogen war (Karoline Brombach/Johann Jessen, Die Kleinstadt im Suburbanisierungsprozeß: In: Clemens Zimmermann, Kleinstadt in der Moderne, S. 189/190), modifizierend auf ländliche Regionen erweitert. Ein modifiziertes aktuelles Modell von ländlichen Kleinstadttypen könnte demnach aussehen:
- Als „Kleinstadt“ lassen sich die ländlichen Kleinstädte einordnen, die sich innerhalb der statistischen Kategorie Kleinstadt von der Bevölkerungszahl befinden (hauptsächlich der Bereich von 5.000 bis 15.000 Einwohnern). Von der Regionalplanung her als Klein- bzw. Unterzentren eingereiht. In den 1950er und 1960er Jahren vielfach noch mit ihrem agrarischen Umfeld verbundene Landstädte, von ihrem Zentrumskern her kleinstädtisch angelegt, haben mit der Kommunalreform und mit innerem Wachstum sich inzwischen in die Kategorie „Kleinstadt“ endgültig hineinbewegt.
- Als „neue bzw. werdende Kleinstädte“ sind auch für die ländlichen Regionen die Gemeinden einzuordnen, die sich als Ergebnis der Kommunalreform zu einer Gesamtgemeinde verbunden haben, vornehmlich aus Dörfern bestehend, und mit diesem Zusammenschluß die statistische Schwelle zur Kleinstadt erreicht haben bzw. noch erreichen werden. Hier lassen sich teilweise in der bisher noch dörflichen „Zentralgemeinde“ erste Ansätze von kleinstädtischer Zentrumsbildung beobachten. Bisher schon städtische Gemeinden, die aus einem historischen, fast kleinstädtisch verdichteten Zentrumskern bestehen, aber von der Einwohnerzahl her die Schwelle von 5.000 noch nicht erreicht haben (Landstädte), sich in den letzten Jahrzehnten funktionell weiter ausdifferenziert haben (und zukünftig weiter funktionell entwickeln werden), gehören in diese Kategorie (bei entsprechender funktioneller Struktur auch in den Typ Kleinstadt direkt passend). Auch Dörfer, die mit entsprechenden Bevölkerungszuwächsen die 5.000 Einwohnerzahl erreicht haben, aber von ihrer Funktion her als reine Wohngemeinden zu beschreiben sind, würden in diese Typisierung hineinpassen (Im Main-Tauber-Kreis nicht anzufinden, wohl eher in agglomerierten Wachstumsregionen zu finden (Siehe Karoline Brombach / Johann Jessen, S. 189)
- Als potentiell „zur Mittelstadt werdende Kleinstädte“ sind die ländliche Kleinstädte zu bezeichnen, die mit ihrer Bevölkerungszahl die Schwelle von 20.000 Einwohner noch nicht erreicht haben, aber mit ihrer „Mittelzentrenfunktion“ die Merkmale einer Mittelstadt zunehmend aufweisen (z.B. ländliche Kleinstädte, die bei der Kreisreform gegenüber größeren Kleinstädten zur Kreisstadt ernannt wurden und in den letzten 20 Jahren analog zur Mittelzentrenförderung in ihrer funktionalen Ausdifferenzierung stark zugelegt haben). Der von Grötzbach vermutete Schwellenwert von 15.000 Einwohnern, der potentiell als Anzeichen einer Mittelstadtwerdung dient, kann in den ländlichen Kleinstädten mit Mittelzentrenfunktion aufgrund einer gezielt geförderten funktionellen Ausdifferenzierung auch darunter liegen.
- Der Typ der „aufgestiegenen Kleinstädte“ fasst die ländlichen Kleinstädte, die als Folge von erfolgreichen Eingemeindungen heute statistisch Mittelstädte sind und auch zahlreiche Merkmale einer Mittelstadt tragen, d.h. die in diese Typisierung passenden Kleinstädte - die sie in den 1960er und 1970er Jahren noch waren - sind heute „junge“ Mittelstädte.

Wertheim und Bad Mergentheim gehören inzwischen rein statistisch betrachtet in die Kategorie der Mittelstädte. Wertheim hat mit der Neugründung des Stadtteils Bestenheid nach 1945 schon sehr früh die Weichen zu einem eigenem Subzentrum gelegt, das in den Folgejahrzehnten weitere funktionelle Ausdifferenzierungen akkumuliert hat (Geschäftscenter, Dienstleistungen usw.). Mit dem 2003 errichteten „Wertheim Outlet Village“ ist weit außerhalb des historischen Altstadtkernes ein planerisch angelegtes Geschäftszentrum dazugekommen (im Stadtteil Bettingen gelegen). Insofern besitzt Wertheim 3 kilometerweit auseinander liegende Geschäftszentren. Wertheim ist im Main-Tauber-Kreis der fortgeschrittenste Typ einer nach 1945 zur Mittelstadt „aufgestiegenen Kleinstadt“. Bad Mergentheim als Kurstadt trägt schon länger mit seiner Citybildung im Stadtkern mittelstädtische Züge. Die Kreisstadt Tauberbischofsheim, ein funktionell stark ausdifferenziertes Mittelzentrum, kann trotz der bisher geringen Einwohnerzahl knapp über 13.000 gelegen, als „werdende Mittelstadt“ eingestuft werden. Sie ist eine Musterbeispiel der sich dispers im Stadtgebiet entwickelnden neuen Geschäftszentren (Pestallozzistraße/Hochhäuserstraße sowie im östlich der Tauber gelegenen Bereich an der neuen Tauberbrücke). Lauda-Königshofen, obwohl nur als Unterzentrum ausgewiesen, ist aufgrund seiner Doppelstruktur der Stadtteile Lauda und Königshofen allein schon geographisch auf die Entwicklung zur Mittelstadt hin angelegt. Diese vier ländlichen Kleinstädte lassen sich aufgrund ihrer Zentrumsfunktion für ihr großes regionales Umfeld und ihrer fortgeschrittenen Binnendifferenzierung als „Regio-City“ ansehen. Als Kleinstädte zu definieren sind z.B. Boxberg und Külsheim. Als „werdende“ Kleinstadt könnte sich das bisher aus dörflichen Teilgemeinden bestehende Großrinderfeld bei entsprechendem Wachstum entwickeln, obwohl die Nähe des Einkaufszentrums Tauberbischofsheim eine Ansiedlung von großflächigeren Einzelhandelsgeschäften behindern bzw. verhindern wird. Das mit einem historischen (KleinStadt-)Zentrumskern versehene Grünsfeld kann als „neue bzw. werdende Kleinstadt“, wenn nicht sogar schon als „Kleinstadt“ typisiert werden.


Tendenz-Bilder zur Regio-City-Bildung

Die neuen Regio-Cities in den ländlichen Regionen weisen immer mehr früher rein den Mittelstädten zugeordnete Funktionen auf. Die regionale Reichweite der ländlichen Kleinstädte (Regio-Cities) nimmt immer mehr zu, sei es in Bezug auf Versorgungsfunktionen (Einzelhandel, Fachhandel), Dienstleistungen und Verwaltungsservices.
Die Regio-Cities sind von der Bevölkerungszahl her seit 1990 stark gewachsen. Dieses Bevölkerungswachstum hielt bis in die Mitte der 1990er Jahre an, bedingt durch die Zuwanderungsbewegungen aus Ostdeutschland und Spätaussiedler. Seit 2000 scheint für die meisten der Regio-Cities im Bevölkerungstand eine Stagnation eingetreten zu sein, mit einer geringfügigen Auf- und Ab-Wellenbewegung. Wertheim wuchs am meisten mit einer Einwohnerzahl 1990 von 21.627 bis 1996 auf 24.410, danach leichte Abnahmen, seit 2000 wieder stetig steigend; Tauberbischofsheim nahm von 1990 mit 12.273 bis 2000 auf eine bisherige Bevölkerungshöchstzahl von 13.266 zu, seitdem leichte Abnahmen; Bad Mergentheim legte seit 1990 mit 21.567 bis 1995 in der Einwohnerzahl auf 22.568 zu, nahm danach ab und stagniert seit der Zweitausendjahrwende; Lauda-Königshofen wuchs seit 1990 mit 14.776 bis 1996 auf 15.513 Einwohner an, seitdem nimmt die Bevölkerungszahl in einer Wellenbewegung geringfügig ab. Die kleinstädtischen Regio-Cities sind auch für das nahe regionale Umfeld das Zentrum der automobilen berufsbedingte Einpendel-Bewegungen. Tauberbischofsheim wies in den Jahren nach 2000 zwischen 7.500 und 8000 Arbeitsplätze auf.

Die Entwicklung des Einzelhandelsumsatz dieser vier Regio-Cities zeigt bis auf Bad Mergentheim Wachstumstendenzen auf: In Wertheim stieg der Umsatz von 100,7 Millionen Euro (1997) auf 123,1 Millionen Euro (2003); in Tauberbischofsheim von 65,7 Millionen Euro (1997) auf 81,7 Millionen (2003); in Lauda-Königshofen von 47,1 Millionen Euro (1997) auf 56,8 Millionen Euro (2003); nur in Bad Mergentheim sank der Umsatz von 138,5 Millionen Euro (1997) auf 120,3 Millionen Euro (2003). Seit 2000 steigt in Wertheim, Tauberbischofsheim und Lauda-Königshofen der Einzelhandelsumsatz nur noch leicht, während er bezogen auf die Jahre 1997 und 2003 insgesamt Steigerungen von über 20% aufweist. Die Entwicklung des Einzelhandelsumsatzes der BRD weist insgesamt eine rückläufige Tendenz auf. Die positiven Kennzahlen der Entwicklung der Einzelhandelszentralität (Verhältnis des Verkaufskraftabflusses aus der Stadt und des Verkaufskraftzuflusses aus dem regionalen Umfeld) in Wertheim, Tauberbischofsheim und Lauda-Königshofen verdeutlichen zudem die gewachsene und weiter zunehmende Zentralitätsfunktion, denn den meisten Regio-Cities gelingt es immer mehr als Einkaufzentren wahrgenommen zu werden. Allerdings zeigt sich in den Regio-Cities die immer mehr wachsende Präsenz des großflächigen Einzelhandels und Fachhandels, der den Großteil der Umsätze generiert. Der mittelständische Einzelhandel und die kleinen Ladenbesitzer im Zentrum der Regio-Cities sind die eindeutigen Verlierer der letzten Jahre, es werden allerdings durch weitere Ketteneröffnungen im Fachhandel auch die mittelständischen Betriebe verdrängt, die in den letzten Jahrzehnten ihre Betriebe in den Außenbereich verlagert und sortimentsmäßig vergrößert hatten. Die inhabergeführten Läden nehmen immer mehr ab. Der Einzelhandel Bad Mergentheims umfasst z.B. eine Verkaufsfläche von ca. 57.000 qm. Im Zentrum stehen insgesamt über 30 Geschäfte leer mit ca. 3000 qm Verkaufsfläche, d.h. es stehen also vor allem Geschäfte mit einer geringen Verkaufsfläche leer. Damit verschwindet gerade das kleinräumige Ladengeschäft im Erdgeschoß, das bisher das typische Bild einer kleinstädtischen Innenstadt mitgeprägt hat. Kaufkraft-Analysen des regionalen Einkaufs-Einzugsbereiches Bad Mergentheims gehen von 60.000 bis 90.000 Personen aus. Der die geringste Einwohnerdichte aller Landkreise Baden-Württembergs habende Main-Tauber-Kreis hat zum Vergleich eine Einwohnerzahl von unter 140.000 Einwohnern, d.h. der Einkaufseinzugbereichs einer Regio-City reicht über die Landkreisgrenzen hinaus. Konzepte und Maßnahmen des Kleinstadt-Marketings und Kleinstadt-City-Management zur Belebung der Innenstadt und zur Entwicklung eines „Innenstadt-Erlebnis-Einkaufens“ haben aktuell Hochkonjunktur bei Stadträten, Einzelhandelsvertretern, Stadtwerbegemeinschaften. Leerstehende Geschäftsläden im Stadtkern erhalten im Rahmen dieser Maßnahmenkataloge eine Simulation als „Gemälde-Galerie“, indem die Schaufenster „bebildert“ werden. Die ländlichen Regio-Cities reagieren auf das neue Einkaufsverhalten der 2000er Jahre, der Trennung vom alltäglichen Versorgungseinkauf und dem gezielten, teilweise spontanen Erlebniseinkaufen. Die Besorgung und Versorgung des täglichen Bedarfes findet in den großflächigen Einkaufszentren auf den „grünen Wiesen“ mit einiger Entfernung zum Stadtkern hin, wenn auch hier sich schon Läden zur Deckung des nichtalltäglichen Bedarfs angesiedelt haben, während der Kleinstadtkern bzw. die dem Stadtkern benachbarten Viertel für das neue strategische Ziel des „Erlebniseinkaufens“ vorbereitet und umgestaltet werden.


Die Regio-Cities befinden sich in einer Transformations- und Konversionsphase bisheriger innerstädtischer Großflächennutzungen. Infrastrukturelle Einrichtungen des Bundes werden immer mehr reduziert und entsprechend bisher belegte Flächen frei. Die Maßnahmen der Deutschen Bahn (Bahnhöfe werden zu spartanisch angelegten zweigleisigen „S-Bahnsteigen“, Gleisdemontagen der nicht mehr benötigten Rangiergleise, Abrisse der Gebäude von Güterbahnhöfen, der Lokschuppen, Werkstätten usw.) schaffen in relativer Nähe zum Stadtkern Freiflächen, die zwar dem bisherigen Trend zur Ansiedlungen auf der „grünen Wiesen“ entgegenwirken, aber eine neue Runde des Konkurrenzdruckes auf den mittelständischen Einzelhandel einleiten. In Bad Mergentheim werden mit der Güterbahnhofbrache und einem aufgegebenen Unternehmensstandort ca. 15.000 qm Fläche für neue Nutzungen frei. Die typisch „mittelstädtische“ City-Viertel-Bildung kann nun planerisch gelenkt direkt vor und nahe bei den „Stadttoren“ vollzogen werden, indem doppelgeschossige Einkaufs-Galerien, Einkaufs-Malls zum neuen Erlebniseinkaufsviertel werden könnten. Ein entsprechender Beschluß des Stadtrates, diesen Bereich den innenstadtrelevanten Nutzungen zuzuweisen liegt inzwischen vor. Die vollzogenen Neustrukturierungen von Telekom und Post haben ein weiteres zukünftiges Flächenpotential in Stadtkernnähe erzeugt, das Ende einiger Kleinstädte als Garnisionsstandorte der Bundeswehr (Lauda-Königshofen) bzw. die Transformation von verbliebenen Bundeswehreinheiten schafft weitere Konversionsflächen, wenn auch im äußeren Bereich der Gemeinden. Desweiteren räumt der Rückzug der Energieversorgung aus den Kleinstädten (EnBW in Tauberbischofsheim) oder die Auslagerung alter Traditionsbetriebe (in Bad Mergentheim z.B. die Landtechnikfirma Bach) weitere große Flächen in direkter Nähe zum Stadtzentrum. Diese brachliegenden Flächen sowie viele der stadteigenen Freiflächen direkt vor dem Stadtkern befinden sich zur Zeit im Fokus der stadtplanerischen Überlegungen (Neuansiedlung, Gestaltungsmaßnahmen, Konzepte für zukünftige Nutzungen usw.).
Städtebauliche und infrastrukturelle Entwicklungsbilder der Regio-Cities

Die Sparmaßnahmen der öffentlichen Hand (Bund, Länder) haben auf die Regio-Cities unterschiedliche Auswirkungen. Die mit dem Einzug der Moderne in die ländliche Kleinstädte gekommene Bahn leitet in den 2000er Jahren den fast vollkommenen Rückzug ein und fährt nur noch zweigleisig in die Kleinstädte ein. Der Bahnhofsschalter ist endgültig ausgeschaltet und durch Automaten ersetzt, das Bahnhofspersonal entsprechend ausgedünnt bzw. nur noch eine temporäre Randerscheinung. Ein wichtiges Kapitel der kleinstädtischen Modernisierungsgeschichte ist musealreif geworden. Die Post hält es ebenfalls nicht mehr in den alten Fernmeldeamtsgebäuden der heutigen Telekom aus und zieht personal ausgedünnt in den Altstadtkern, wo schon längst der T-Punkt – falls überhaupt noch vorhanden - sein magentarotes T-Comizil bezogen hat. Die Vermittlungsstellen der T-Com selber werden nur noch im Außendienst angefahren und gewartet. Die Post hat ihre Briefverteilung und Paketzustellung großräumig und großflächig in die ländlichen Zwischenräume und –orte geplant und gebaut, sodaß in den ländlichen Kleinstädten nur noch kleinere Verteilergebäude vorhanden sind, diese auch schon in Neubauten am Kleinstadtrand wegen der besseren Anfahrbarkeit verbannt. Die Justiz schließt ihre letzten kleineren Gefängnisaussennebenstellen, die Bundeswehr führt ihre zweite Konversionswelle durch, mit entsprechenden Schließungen von Garnisionen, d.h. eine kurzlebige ca. 40jährige Standortzeit ist für die betroffenen Kleinstädte zu Ende gegangen. Die Neuorganisation der Verwaltung des Landes Baden-Württembergs betrifft viele Kleinstädte mit Funktionsverlusten der entsprechenden Ämter und Stellen und stärkt auf der anderen Seite wegen der Eingliederung dieser bisherigen Landesämter in die Ebene der Verwaltungsaufgaben von Landkreises die Kreisstädte. So bildet in Tauberbischofsheim das Landratsamt mit entsprechenden Gebäudeübernahmen ein eigenes Verwaltungsgeviert. Von der Neugliederung der Landesverwaltung ebenfalls stark betroffen sind die jeweiligen Finanzämter mit entsprechenden Funktionsabgaben sowie die Polizeiposten.
Die städtebauliche Entwicklung der kleinstädtischen Regio-Cities verläuft in den 2000er Jahren in einer Neuen kleinstädtischen Unübersichtlichkeit: Sowohl im Altstadtkern, an den dem Altstadtkern benachbarten Bereichen als auch in den altstadtkern abgewandten Bereichen der „Grünen Wiese“: Die kleinstädtischen Regio-Cities und ihre Entwicklungen werden dispers! Parallele, gleichzeitige und entgegengesetzte Baumaßnahmen an völlig unterschiedlichen Standorten vermischen endgültig in einem früher so leicht überschaubaren Gebiet und Gebilde einer gewachsenen Kleinstädte die erkenn- und deutbaren Entwicklungslinien. Die Regio-City wächst nicht mehr analog zur bürgerlich-modernen Kleinstadtentwicklung in quasi konzentrischen Kreisen und Viertel von Innen nach Außen. So findet die Entwicklung des gehobenen Wohngebietes und Wohnstandards gleichzeitig ein Comeback im Altstadtkern, auch in den früher „schlechteren“ Viertel durch entsprechende „Luxus“sanierungen mit stärkeren historisierenden Auflagen an das Gebäude als bei den in den 1970er und 1980er noch üblichen Neubauten, aber auch in den Neubaugebieten finden sich entsprechende Planungsvorhaben. Seniorenanlagen werden sowohl im Stadtkern als auch im Außenbereich gebaut.

Die Förderpolitik des Landes führt mit der Auflage der Bildung von interkommunalen Gewerbe- und Industrieparkes zur Schaffung von Nutzungsflächen an der Gemarkungsgrenze zur einer der beteiligten Gemeinden, also der Errichtung des Gewerbe- bzw. Industriegebietes auf dem „Grünen Acker“, fast völlig jenseits einer Erreichbarkeit durch öffentliche Verkehrsmittel, und völlig fern von Gesichtspunkten zur Verminderung der Zersiedelung des Landschaftsbildes. Ansiedlungsförderschwerpunkte von Spätaussiedlern hat in den jeweiligen Kleinstädten zu ethnisch fast geschlossenen Wohnquartieren geführt mit den entsprechenden sozialen Auswirkungen (soziale Ausgrenzungen, Integrationsprobleme, Cliquenbildungen), die immer mehr offen als kleinstädtische Problemlagen zutage treten.


Wirtschaftliche Entwicklungsbilder der Regio-Cities

Die Gewerbesteuer, einst Flaggschiff der kleinstädtischen Einnahmen, ist in den 2000er Jahren zu einem rudimentären Posten geworden. So rechnet Tauberbischofsheim für 2004 mit ca. 2,2 Millionen Euro Gewerbesteuereinnahmen, von denen über die Gewerbesteuerumlage über 1/3 Drittel an den Landkreis abzuführen sind. 1994 lag das Gewerbesteuereinkommen Tauberbischofsheim noch bei 7,4 Millionen Euro. Der Einkommensteueranteil Tauberbischofsheim beträgt 4,25 Millionen Euro. Der Verwaltungshaushalt Tauberbischofsheims war auf 23,400.000 Euro, der Vermögenshaushalt auf 4,200.000 Millionen Euro veranschlagt. Die sinkende Steuerkraft läßt die Kleinstädte immer mehr am Tropf der finanziellen Schlüsselzuweisungen durch Bund und Land hängen, allerdings verringern sich durch die geringe Eigenerhebung von Steuern die Umlagen, sprich Abgaben. Der Gesamtschuldenstand ist inzwischen auf 1515 Euro pro Kopf der Bevölkerung gestiegen. Im Vergleich dazu entstammten 1967 in Wertheim 50% aller städtischer Einnahmen den Steuereinkünften, an denen die Gewerbesteuer einen 83%tigen Anteil hatten. Nur 3% der städtischen Einnahmen war Finanzzuweisungen.

In eigenen „Stadtentwicklungsgesellschaften“ versuchen die Regio-Cities die Stadtentwicklung und die Wirtschaftsentwicklung positiv zu beeinflussen, dies auch mit der Einrichtung von Gründerzentren mit den Angeboten von mietgünstigen Räumen und bereitgestellter technischer Infrastruktur als auch durch Beratungs- und Coachingsprogrammen in der Gründungsphase von jungen Unternehmen. Das zielt auf die Entwicklung von bisher vernachlässigten kleinstadteigenen bzw. regionalen Potentialen im Small Business Bereich gegenüber der sonstigen Förderung von Gewerbe- und Industriebetrieben durch die Bereitstellung von günstigen Gewerbeflächen.

Die Lokale Agenda 21 hat in den Regio-Cities Möglichkeiten eröffnet, kleinstädtische Potentiale der Energiegewinnung zu entdecken und zu fördern. Zudem wurde mit einem kleinstädtischen Solarstromboom dem einheimischen ökologisch interessierten Mittelstand Formen zukunftsfähiger, umweltgerechter, bürgerschaftlicher Investitionen geboten. Die Fa. Tauber-Solar führte Tauberbischofsheim in den 2000er Jahren mit der Einrichtung von Photovoltaikanlagen auf den kleinstädtischen Dächern an die Spitze der „SolarBundesliga“. Vorhaben von 1 bis 4 Megawatt-Anlagen mit Investitionssummen von jeweils ca. 5 bis 14 Millionen Euro Investitionssummen verdeutlichen die Dimensionen dieser ökologischen Bürgerprojekte, die fern von jeder Ökobastelei sind. Die Regio-Cities sind sich ihrer Rolle als Solar-Städte imagewirksam bewusst.


Sozio-Kulturelle Entwicklungsbilder der Regio-Cities

Die ländlichen Kleinstädte haben ihr kulturelles Profil seit den 1980er Jahren sozio-kulturell erweitert, neue regionale kulturelle Vernetzungen geschaffen. Zu den bisherigen Formen der Traditionskultur (Heimatvereine, Geschichtsvereine, Trachten- und Folklore, Museen usw.) haben sich mittelständisch, bürgerlich geprägte Kulturöffentlichkeiten (Kultur- und Kunstvereine, Privatkunstgalerien, Konzertreihen, Kulturveranstaltungen) herausgebildet und etabliert, sind vielfältige sozio-kulturelle Gruppen entstanden. Es treten aber auch immer mehr die Problemlagen des neuen kleinstädtischen Multisubkulturatismuses hervor, die auf bestehenden Integrationsprobleme von Bevölkerungsgruppen hinweisen, ungelöste Problemlagen verdeutlichen. Die finanzielle Lage der Kommunen seit 2000 lassen den Rotstift um den bisherigen Boomfaktor „Kultur“ kreisen.

Lokal-regionale Geschichte wird als stabilisierender „Ordnungsfaktor“ der in Bewegung geratenen Kleinstadtwelten neu in Form einer „Stadtgarde“ aufgestellt (z.B. Tauberbischofsheim, ohne bisherige Tradition), aber auch als bewusste Dokumentation und aktives Wiederaufgreifen regionaler Widerstandsformen (jährliche Spurensuchen-Wanderung in Erinnerung zur Bauernkriegsschlacht vom 2. Juni 1525 auf dem Königshofener Turmberg) neu verlebendigt und ins Bewusstsein gerufen; „Lange KulturNächte“, ganztägige KulturMärkte, dienen zur Präsentation lokaler Stadtgeschichte (Museen), des aktuellen Kunstschaffens (Malen, Bildhauern, Töpfern), der neuen Formen von Kulturproduktion. Die größeren regionalgeschichtlichen Museen der Regio-Cities versuchen das angestaubte Image als bloßer Behälter längst Vergangenem abzulegen und konzipieren sich neu, um sich z.B. speziell für ein bewussteres Umgehen der Kinder mit ihrer historischen Kleinstadt und den musealen Exponaten fit zu machen.
Die Event-Kultur, die Festivalisierung des Innenstadtbereiches hat die Regio-Cities erreicht und ist Teil der kleinstädtischen Stadtkultur geworden, unterstützt und etabliert von Maßnahmen der kleinstädtischen Verwaltung. Nightgroove, MusicNights mit dem Motto „eine Stadt, eine Nacht, soundsoviele Bands“ sind alljährlich wiederkehrende Dates in der Bemühung, die Kernstädte mit einem Kneipenfestival zum musikalischen Erlebnisraum zu machen. Dazu gehört auch das Night-Skating, das die Kernstadt mit ihrem Ensemble von Fachwerkbauten zu einem nächtlich erfahrbaren Parcour macht, des weiteren Streetbasketball, Beachvolleyball auf dem Marktplatz, Kindertage mit Kinderolympiaden usw. Das Nachlassen des kleinstädtischen Zentrums als öffentlicher Raum funktioneller Nutzungen (Einkäufe, Warenpräsentation, Bekanntetreffen usw.) soll zeitgemäß mit der Verwandlung in einen von dynamisch-mobilen Personen bevölkerten Aktionsraum temporär kompensiert werden.

Die Region wird als kultureller Faktor wieder und weiter inszeniert, sei es quasi als Wiederentdeckung des ländlichen-agraischen Umlandes (Wiederbelebung von Bauernmärkten, Reaktivierung ehemaliger ländlicher Feste, als neue Landfolklore, als regionale Slowfoodbewegung mit regionaleinheimischen Produkten und Erzeugnissen, regionale Küche), sei es als neue geschichtliche Großevents (Wir waren alle mal Kelten; mittelalterliche Stadtspiele), sei es als Wiederbelebung des Bauerntheaters („Bauerntage“ in der Alten Füllerei“, Tauberbischofsheim-Distelhausen).

Die 2000er Jahre werden im Zeichen der kommunalen finanziellen Beschränkungen als Jahre neuen bürgerschaftlichen Engagements ausgerufen, d.h. die Weiterentwicklung von kleinstädtischer Kultur und kleinstädtischen Kulturlebens soll statt der bisherigen Förderung aus dem Stadtsäckel über freiwilliges Engagement der Bürgerschaftschaft, egal welcher Herkunft und welchen Alters eingebracht werden. Ein „Kulturscheckheft“ als Leistungsnachweis bürgerschaftlichen Engagements kann zu einer entsprechenden Honorierung führen. Die moderne Regio-City der 2000er Jahre wünscht und braucht die tatsächliche Partizipation des Bürgers am Gemeindeleben, die Stadtverwaltung zieht sich angesichts leerer Kassen auf die Rolle des Managements und Vernetzers zurück, überlässt Leistungserbringungen dem (auf)geforderten Bürger.
Die Gebetshäuser der islamischen Kleinstädter treten die Wandlung vom „Schuppen“ zur „Moschee“ an, stoßen aber noch an einige Grenzen der Kleinstadtwelt mit Vorstellungen wie Moschee „im fränkischen Baustil“, „auf keinen Fall groß oder an einer exponierten Stelle“. In niedergehenden Kinos laufen inzwischen mehr Filme aus dem Zuwanderer-Kulturbereich als die üblichen Hollywood-Fortsetzungsfilme. Wie selbstverständlich wünscht der Imam der islamisch-türkischen Gemeinde den christlich-kleinstädtischen Mitbürgern ein schönes Weihnachtsfest und ein gutes neues Jahr.
Die Jugendlichen der Regio-Cities finden per T-DSL den breitbandigen Internetzugang zur teilweisen mediagestützten Gleichzeitigkeit mit der urbanen Welt. MP3 und die neuesten gecrackten Videos finden mit diesem Austausch-Medium (fast: neue Ausnahme: VDSL; Anm. d. V. 2007) genausoschnell wie in den Metropolen den Weg auf die heimische PC-Festplatte und beim Online-Gaming gibt es ebenso keinen Rückstand mehr zur großen Stadt aufzuholen. Der höhere Zeitbedarf der Online-Sessions minimiert allerdings das für frühere kleinstädtische Jugendgenerationen typische Nix-ist-Los-Abhängen in den kleinstädtischen Grünanlagen, Scenekneipen und Jugendhäusern. Der Jugendhauskampf der 1970er Jahre ist in den 2000er Jahren einem Kampf um die Jugendlichen und deren Einbringung in die kleinstädtische Kultur gewichen, insofern werden jugendliche Belange in Form der Einrichtung von Jugendgemeinderäten von Stadtväterseite aus betrachtet, gelegentlich berücksichtigt. Nicht nur die Partizipation an der Kommunalpolitik geht von den Jugendgemeinderäten und Jugendforen aus, sondern aus die regelmäßige Veranstaltung von DVD-Nächten, Summer-Out-Parties und Abi-Feten. Für die Jugendhäuser der Regio-Cities ist mit den 2000er Jahren die infrastrukturelle Verdünnung (Öffnungszeiten, Anzahl hauptamtlicher Mitarbeiter), wenn nicht sogar die Schließung und Einrichtung einer Minimaljugendhausversion angebrochen (z. B. Wertheim mit einer inzwischen über 25jährigen Existenz). Subkulturen der Jugendlichen fallen aus den Kleinstadt integrierenden Mustern und bilden wenig überschaubare Milieus.
Die mangelnde Integration der deutsch“russischen“ Spätaussiedler-Jugendlichen in die kleinstädtische Alltags- und Sozialwelt, die zunehmende Segmentierung und Zonierung der kleinstädtischen Parks, Freiflächen, Feuerstellen am Waldrand, Bolzplätze, Schulhöfe, Discos in abgegrenzte kulturelle Mileus, erfordert Maßnahmen der Jugendarbeit und der Schulsozialarbeit (Einrichtung eines Inter-Kulturhauses, Workshops in Jugendhäusern, Interaktionsspiele zum multikulturellen Lernen, Jugendtheater, Stegreiftheater, Videosessions, Multikultikochstudio, Einübung von gemeinsamen Street Dance Show usw.) Streetworker und Stadtteilsozialarbeit wären kleinstädtisch ädaquate Maßnahmen, um in nahezu aufgegebenen Stadtvierteln, Bereichen und Zonen noch kleinstädtische Solidarverankerungen zu schaffen.
Die „Rock- und Pop-„Musiker der Regionen organisieren sich regionsweit, mit eigenen Konzertveranstaltungen und Internethomepages (www.rockgut.de), die über Aktivitäten informieren. Gelegentlich schaffen es auch schon mal Rockgruppen aus der Provinz bis in das seriell produzierte Vorabendprogramm des Fernsehens (Megakerls).
Die „familienfreundliche“ Regio-City ist der Trend der 2000er Jahre mit Kindergartenplätzen (Ganztagesbetreuung), mit Ganztages-Schulen, was neben finanziellen Mitteln (Umbau der Schulstätten, Betreuungskapazitäten) vernetzte Kooperationen mit bestehenden Vereinen und Organisationen erfordert. Zudem muß sich die Regio-City auch immer mehr in Richtung der „seniorensozialen“ Kleinstadt entwickeln, da der gesellschaftliche Alterungsprozeß an den Kleinstädten nicht vorübergeht. Immer mehr Senioreneinrichtungen, in den letzten Jahren wieder mehr in der Stadtmitte statt am Standrand platziert, zeugen von dieser Entwicklung.
Am Kleinstadtrand, nicht mehr in der Kleinstadtmitte, sammeln sich die aus der Arbeits- und Alltagswelt Herausgefallenen, das obligatorische Sixpack aus den Tankstellenshops beziehend. Auch die kleinstädtischen Subkulturen entfalten sich dispers, außerhalb der früher bestimmenden kleinstädtischen Sozialkontrolle. In der Kleinstadt kennt schon lange nicht mehr jeden, wird auch nicht mehr jeder permanent beobachtet.